Kettcar – Ich vs. Wir

Album Ich vs. Wir
Band Kettcar
Musikrichtung Indie
Redaktion
Lesermeinung
7

Kaum dass sich Kettcar im August zurückgemeldet hatten, waren sie aus der Presse gleich nicht mehr wegzudenken. Kein Wunder: Viel zu lange mussten ihre Anhänger auf neuen Output warten. Auch diverse Soloprojekte konnten den Hunger nach neuen Kettcar-Songs nicht stillen, im Gegenteil. „Ich vs. Wir“ könnte nun kaum besser herausstellen, warum die Hamburger Indie-Rocker nicht nur schrecklich vermisst wurden, sondern Kettcar eben auch eine der besten deutschen Bands der letzten Jahrzehnte ist. Eine Lobeshymne.

Die Großartigkeit von Marcus Wiebuschs Eloquenz ist kein Geheimnis. Wenn jemand weiß, wie man Texte in seiner Muttersprache schreibt, ohne sich dabei vollends lächerlich zu machen, dann der Kettcar-Chef. Nicht selten lesen sich seine Lyrics wie Gedichte; die Reime, wenn denn überhaupt vorhanden, nicht erzwungen, sondern scheinbar wie per Zufall entstanden; der Inhalt nicht nur auf die eigene Person übertragbar, sondern stets auch mit höherer Bedeutung. Die Welt schreibt Geschichte, Kettcar kommentieren – zur größten Freude von Philosophie-Studenten höherer Semester. Mit „Ich vs. Wir“ treffen die Herren abermals den Zahn der Zeit, überraschen, schockieren, bewegen. Sie prangern nicht wahllos an, sondern beschreiben die Welt, die Lage, in der sich Deutschland zu diesem Zeitpunkt befindet, sachlich, detailliert und direkt. Der vielseitige Indie-Rock scheint dabei kaum mehr zu sein als eine akzentuierte Untermalung. Eigentlich nicht mehr als das, was die Texte letzten Endes zu Songs macht, doch eben so wirkungsvoll, dass die Gänsehaut zum ständigen Begleiter wird.

Kettcar ist bewusst, wie sinnlos es wäre, als eine Band von sehr vielen gegen „besorgte Bürger“ zu argumentieren. Warum plakativ, wenn es doch intelligent viel besser funktioniert? Vor wenigen Jahren hat die „Willkommenskultur“ der Deutschen weltweit Schlagzeilen gemacht, im selben Zug wurde dann alsbald über „Obergrenzen“ diskutiert. Wie vielen Geflüchteten soll in Deutschland eine sichere Zuflucht gewährt werden, vielleicht sogar ein neues Zuhause? Diverse Musiker haben das Thema aufgegriffen und manch einer würde sagen, es sei doch inzwischen alles gesagt. Mitnichten. Sich in die Lage anderer hineinzuversetzen, dazu wollen Kettcar animieren. Das Gefühl, das Erlebnis, geliebte Menschen nach langer Zeit endlich wieder in die Arme schließen zu können. Wohlbehalten daheim zu sein, sich gewollt, geliebt und willkommen zu fühlen. „Ankunftshalle“ ist nicht nur der erste Song auf „Ich vs. Wir“, sondern eine moderne Liebeserklärung an Menschen und die Ergänzung zu „Sommer ´89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“. Auf dem Album sind die beiden Lieder durch andere getrennt, an ihrer engen inhaltlichen Verbindung ändert das freilich nichts. Der große Appell an Humanismus wird so nur noch viel deutlicher herausgestellt.

Zurück in Hamburg dann die große einerseits-andererseits-Diskussion am WG-Küchentisch mit seinen Freunden. Einerseits wäre die Aktion natürlich gut gemeint gewesen, wegen den Familien und so. Aber andererseits wäre eine deutsche Einheit – und darauf laufe die Entwicklung der letzten Wochen nun mal hinaus – ein großer Fehler. Deutschland dürfe nie wieder ein Machtblock mitten in Europa werden und eine solche Hilfe zur Fluch der DDR-Bürger würde nur zu weiteren Destabilisierungen der Verhältnisse beitragen. Also wie gesagt, die Aktion war menschlich verständlich, aber trotzdem falsch.“ („Sommer ´89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“)

Wegsehen, nur weil es augenscheinlich für die Mehrheit Vorteile bringt? Ist das Leiden einiger weniger wichtiger als das Wohlergehen vieler? Definitiv nicht! Kettcar wissen das und haben diesem Thema deswegen auch gleich mehrere Songs gewidmet – und machen es durch den Albumtitel und besonders durch den indirekten Titeltrack „Wagenburg“ nur allzu deutlich: „Ein Wir will öffentlichen Raum, ein Ich will seinen Teil vom Kuchen. Überall besorgte Bürger, die besorgte Bürger suchen.

Doch was für Menschen leben denn eigentlich in Deutschland? Wie ist dieses Land aufgestellt? Vielseitig, das ist klar. Aber wie vielseitig wird erst deutlich, wenn man sich auch einmal die Zeit nimmt, seine Umgebung wirklich unter die Lupe zu nehmen. Verleiht „Trostbrücke Süd“ dabei noch ein wohliges, aber dennoch spannendes und gleichzeitig trauriges Gefühl, widmen sich Kettcar im anschließenden „Mannschaftsaufstellung“ der heiklen Lage:

Wir werden Druck mit aller Macht ausüben, aus der Deckung schießen, Hass und Lügen, Weltverschwörer auf der Sieben und Zentral, radikal, aggressiv, stolz und national. Einer, der im Weg steht, um die Retter zu blockieren, fünf, die applaudieren, während die anderen agitieren. Und einer, der die Fahne trägt – während einer mit Gewalt die Kameras zu Boden schlägt.“ Schlicht atemberaubend der Moment, wenn sich die beiden Protagonisten bei der Hand nehmen und „Liebling, ich bin gegen Deutschland“ ertönt.

„Ich vs. Wir“ kurz und kompakt in all seinen Facetten zu beschreiben, gleicht einer Mammutaufgabe. Allein textlich entdeckt man bei jedem Durchlauf weitere Details, kommen weitere Interpretationsmöglichkeiten auf. Über Jahre wurden Kettcar schmerzlich vermisst. Trotz mangelnder neuer Songs haben die Herren aber natürlich nicht weggesehen. Auf „Ich vs. Wir“ entpuppen sich Kettcar erneut als talentierte Beobachter und einzigartige Voyeure – und präsentieren ein lyrisches Meisterwerk.

Wenn du das Radio ausmachst, wird die Scheißmusik auch nicht besser“ („Trostbrücke Süd“) – damit wäre alles gesagt. Vorhang zu, Applaus.

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