Kontrolle – Egal

Album Egal
Band Kontrolle
Musikrichtung (Post-)Punk, Punkrock
Redaktion
Lesermeinung
6

Kajal und Dosenbier: Auftritt, Kontrolle. Das Trio aus der – den bedrückenden Vibes auf „Egal“ nach zu urteilen – nicht ganz so schönen Ecke NRWs bastelt auf seinem Debütalbum zwei Musikstile zusammen, kreuzt in finsterster Nacht deutschsprachigen Punk mit 80s-Wave. Die Idee hatten zwar schon andere, aber die Kreatur lebt! Und ist in Kampflaune. Direkt zu Beginn bricht ein düster wabernder, bedrohlicher Synthie über den Zuhörer herein, dann kommen Noise-Gitarre und Gebrüll. Kalt, kälter, „Baumarkt“. Baumarkt! „Aufsitz-Rasenmäher, traumhaft.“ Nun gibt es im miesepetrigen Punkrock ja viele abgründige Themen, an denen sich Bands abarbeiten können, aber einen Song über derartig Trostloses muss man sich erstmal trauen. Vor allem, wenn die Musik noch dazu so in die Beine geht, neben den halb-dadaesken Lyrics über deutsches Biedermeiertum und Sägen ordentlich kickt.

Die Hölle, das sind bei Kontrolle die anderen: die Bahn fahrenden („Sitzen in der Bahn“), Rigipsplatten bewundernden („Baumarkt“), Wutkommentare schreibenden und AfD-Flyer verteilenden („Ich volk mich um“), gesichtslosen Günthers dieser Welt („Günther“). Gesamtsituation: scheiße, und, klar, verdammt kalt hier in Deutschland. Die musikalische Verpackung für die Misanthropie auf „Egal“ ist Post-Punk – mit ganz großem Post und immer noch genug Punk. Unfassbar weit weg von den szeneüblichen Verdächtigen des angepissten deutschsprachigen Sozialkommentar-Punks musizieren auch Kontrolle nicht, setzen aber sehr stark auf Wave- und Goth-Elemente, treffen sich in der Mitte zwischen Sisters of Mercy und Turbostaat. Und haben offenbar kein Quentchen Spaß dabei. Wie auch, wenn alle um einen herum Idioten sind!

„Ich volk mich um“, gelungene Quotennummer gegen Alltagsrassismus und Rechtsruck, und „Wirres Licht“ verfrachten Joy Division in die deutsche Provinz. „360 Grad“ treibt die maschinelle Kälte bis zum Anschlag, zelebriert das Dagegensein. „Wo andere schwimmen gehen, scheiß ich in den Pool.“ Hier erfrieren selbst Eisbären, die nie weinen. Der Bariton des Sängers passt mit seinen düsteren Melodiebögen dabei gar besser in die industriellen Synthie-Soundteppiche als mit Gebrüll in die geradlinigen Schrammel-Ausbrüche, grade dieses Auf und Ab in vielen der zehn Songs sorgt aber für Dynamik. Kontrolle pendeln zwischen den Extremen. Mittelfinger hoch, Eiszeit droht.

Auf Dauer ist „Egal“ ein kleines bisschen ermüdend, sind doch die meisten Songs nach sehr ähnlichem Muster gestrickt und gerade die Gitarrenspuren oft austauschbar, die Refrains immer sloganartig und repetitiv. Spaß machts trotzdem – vor allem, weil’s so böse ist. „Montag Morgen, Sitzen in der Bahn. Realsatire, Spackenalarm. Samstag Abend, Sitzen in der Bahn. Es spielt ne neue Band, wir schauen sie uns nicht an.“ Hoffentlich ereilt Kontrolle nicht dasselbe Schicksal, aber die Band sollte schon alleine deshalb Freunde finden, weil die dieselben Feinde haben. Bis dahin: Starkes Debüt mit Luft nach oben, und genau das Richtige, um sich trotz Frühlingsanfang und fröhlichen Gesichtern im öffentlichen Personennahverkehr im Hass zu suhlen und der Menschheit ihren baldigen Untergang zu wünschen.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Frankfurt
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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