La Dispute – Panorama (Doppelreview)

Album Panorama
Band La Dispute
Label Epitaph
Musikrichtung Post-Hardcore, Alternative
Redaktion
Lesermeinung
7.5

„I have never put flowers by the street.“

Trauer ist das Schlüsselthemen von „Panorama“. Die zitierte Single Fulton Street zeichnet beispielsweise die Umstände und Folgen eines tödlichen Verkehrsunfalls nach. Dabei agiert Jordan Dreyer einmal mehr als poetischer Geschichtenerzähler. Erzählungen von Verlust und schmerzhaften Erinnerungen werden gemurmelt, gesprochen, gesungen oder geschrien. Die filigranen, teilweise flächigen Gitarren schaffen dazu andächtige Atmosphären oder in Kombination mit dem unkonventionellen Drums auch stampfende, eskalierende Ausbrüche. So untermalt der instrumentale Klangteppich in Songs wie „You Ascent“ in Hörspielmanier die Erzählungen von Dreyer.

Mit geduldiger Hingabe werden Spannungsbögen kreiert, die sich in gewaltigen Explosionen auflösen. In solchen musikalischen Höhepunkten ordnet sich die Stimme rechtzeitig unter und wird zu einem gleichberechtigten Instrument. Dies funktioniert besonders eindrucksvoll in Songs wie „There you are (Hiding Place)“, wo die Schreie sich den Rhythmen und Melodien unnachahmlich anschmiegen.

La Dispute wirkt wie ein Band ohne Egos, in der jedes Instrument inklusive Stimme in jedem Song aufs Neue seinen Platz – mal mehr, mal weniger vordergründig – findet. Die Texte von Jordan Dreyer sind dabei insgesamt abstrakter, aber nicht weniger fesselnd als auf den vorherigen Alben.

„If you need from me, to be anything I could be everything you need every monument, every memory and I’ve never put flowers by the street. “ (Fulton Street)

Auch musikalisch wirkt das Album selbst für La Dispute-Verhältnis schwermütig. Punkige und hektische Elemente sind zunehmend atmosphärischen, schleppenden Rhythmen gewichen; eine Tendenz, die sich bereits beim Vorgänger „Rooms of the House“ abgezeichnet hatte und erschütternd gut zur textlichen Ausrichtung passt.

Dennoch gelingt in allen Songs eine emotionale Reise, für die La Dispute spätestens seit ihrem zweiten Album „Wildlife“ berüchtigt ist. Das Album wirkt textlich wie musikalisch geschlossener als „Rooms of the House“ und entfaltet sich mit etwas Geduld als niederschmetterndes, aber brillanten Gesamtkunstwerk. „Panoroma“ wird die Fans für die fünf Jahre Wartezeit mehr als entschädigen.

(7/8) – Lennart Sörnsen

 

La Dispute, eine Rap-Rock-Band? Der Witz hält sich wacker in Bandkreisen, obgleich vor allem Jordan Dreyer nun nicht gerade ein Ruf als passionierter Pausenclown vorauseilt. Im Gegenteil, der 31 Jahre alte Frontmann (dieses Wort dürfte ihm auch zuwider sein) ist ein sehr bedächtiger Zeitgenosse und derart bescheiden, dass es fast schon anstrengend wird. Nein, ein Sänger sei er nicht, sagte er kürzlich dem Rolling Stone. Lange habe er sich sogar darum gewunden, Musiker genannt zu werden, da er ja kein Instrument beherrsche. Als seine zwei großen Leidenschaften nennt er Musik und Lesen. Mit La Dispute hat er sie vereint – auf ganz eigene Art und Weise. 

Dreyer ist ein bedächtiger Poet des Alltags und ein brillanter Beobachter noch dazu. Seine Inspiration zieht er aus allem, was ihn umgibt. Scheinbar banale Szenen, flüchtige Begegnungen, kleine große Dramen – Dreyer scheint alles aufzusagen und schreibt daraus seine Geschichten. Lieder zu sagen wäre fast anmaßend. Eine La Dispute-Tour gleicht in den ruhigen Momenten mehr einer alternativen Lesereise als einer Hardcore-Show.

Schon auf dem Debüt-Album und Post-Hardcore-Meilenstein „Somewhere At the Bottom of the River Between Vega and Altair“ spielte Dreyer mit Gedichtsreferenzen. Spätestens mit dem höchst ambitionierten „Wildlife“ unterstrich er aber seine literarischen Ambitionen, die über ein paar Querverweise weit hinausgehen. Auf dem musikalisch vergleichsweise bedächtigen „Rooms Of The House“ sezierte er verschiedene Szenen einer fiktiven Beziehung und strickte daraus seine Story. „Panorama“ aber ist wie schon „Wildlife“ ein direktes Produkt aus Dreyers vertrautem Umfeld, seinen Beziehungen und natürlich seiner Grübelei. Und noch etwas hat sich nicht geändert: La Dispute spielen nach wie vor in ihrer eigenen Liga.

“Never needed to live and suffer through the pain, all the tyrannies of grief, if I ever do, will I even have the strength to do anything?“ 

Hin und zurück, immer wieder aufs Neue. Als die Arbeit am neuen Album langsam Fahrt aufnahm, pendelten Dreyer und seine Partnerin regelmäßig zwischen ihrem Heimatort und der gemeinsamen Wohnung. Nichts Besonderes, eigentlich. Doch auf den Touren über den Highway nahm „Panorama“ gewissermaßen seinen Anfang. Denn Dreyer wurde zusehends bewusst, was für ein Glückspilz er eigentlich ist. Er selbst habe wenig Erfahrung mit tragischen Ereignissen in seinem engsten Familienkreis, so Dreyer. Während sie fuhren, erfuhr er aber immer mehr über fatale Unglücke von Bekannten seiner Partnerin und plötzlich hinterließen auch die unauffälligen Kreuze am Straßenrand einen ganz anderen Eindruck bei ihm. 

„Fulton Street“ Teil eins und zwei knüpfen genau hier an – auf der Spur von anonymen Schicksalen, dem Leid der Angehörigen und Dreyers eigener Unwissenheit. „Fulton Street I“ ist ein klassischer La Dispute-Song der neuen, bedächtigeren Generation. Langsam, mit wenigen emotionsschwangeren Tönen pirscht er sich heran und folgt Dreyers Erzählung. Erst als die Angst aus Dreyer herausbricht („Will I ever put flowers by the street?“), durchschlägt das Schlagzeug und ein markanter Riff die Ruhe – eine exzellent orchestrierte Dramaturgie. La Dispute malen zunehmend mit dem feinen Pinsel. Der hektisch-brachiale Hardcore ist nur noch selten erste Wahl, aber mitnichten Geschichte! Schon Teil zwei der Fahrt auf dem imaginären Highway zieht peu à peu härtere Seiten auf und nach einer kurzen Verschnaufpause zeigen Dreyers Mitstreiter, dass sie nach wie vor wahre Gewitter heraufbeschwören können. Das Highlight für Nostalgiker ist aber „FOOTSTEPS AT THE POND“. Knackig kurz spielen La Dispute in puristisch-hektischer Klarheit einen mustergültigen Post-Hardcore-Brecher runter. „Anxiety Panorama“ glänzt mit ganz ähnlichem Rezept. In„There You Are (Hiding Places)“ geben sich dagegen Spoken Word-Parts und brachiale Ausbrüche meisterhaft die Klinke in die Hand. 

Über allem schweben aber Dreyers Gedanken über Verlust, Trauer und die Herausforderung, anderen beiseite zu stehen in ihrem Schmerz. „Rhododendrite & Grief“ erzählt so im Stile von „Woman (in mirror)“ von der Bürde, die bestmögliche Stütze sein zu wollen – ohne zu wissen wie: 

„I drove around for hours, for gifts to help you heal, memories we parted once, the seasons of our grief, rhodonite for stress relief, promethazine for sleep, a rabbit toy for children, my deep condolences, rhodonite for stress, promethazine for sleep“

Dreyers lyrische Fertigkeiten beeindrucken einmal mehr, deshalb funktionieren bei La Dispute auch „Erzählstücke“ wie „Northern Michigan“. „You Ascendant“ geht mit seinen gut sieben Minuten gar als Vertonung einer kleinen Kurzgeschichte durch. Es ist eine Demonstration von Ausnahmekünstlern – einmal mehr. 

La Dispute sind und bleiben ein herrlich verqueres Aushängeschild für die Alternative-Szene. „Panorama“ manifestiert ihre Sonderstellung. Jeder Song ein Plädoyer für mehr Muse für die kleinen Dinge und mehr Achtsamkeit für das, was einen tagtäglich umgibt und vermeintlich selbstverständlich scheint. So kitschig würde es Jordan Dreyer freilich nie ausdrücken – zum Glück.

(6/8) – Benjamin Fischer

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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