La Dispute – Rooms Of The House

Band La Dispute
Musikrichtung Post-Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
5

Sie können es einfach nicht lassen. Kaum ist das Releasedate des neuen La Dispute-Albums in absehbare Nähe gerückt, kramt man in Dortmund wieder die Großkaliber raus. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ohne ein leidlich glückliches Händchen für schicke Schlagzeilen ist man in diesem Metier auf kurz, spätestens aber auf lang eine Fehlbesetzung; soweit sind wir Freunde. Doch ändert diese goldene Journalistenlektion nicht die Fakten. La Dispute sind eine grandiose Band, die Zukunft des Hardcore werden sie nie – und jetzt kommt die Pointe: Das ehrt sie mehr als die falschen Lorbeeren! La Dispute sind nämlich gerade deshalb so gut (und fast jedes Lob wert), weil sie komplett anders gestrickt sind als ihre Kollegen und weil nach wie vor niemand auch nur halbwegs erfolgreich einen Fuß in ihre Spuren gesetzt hat. Das disqualifiziert sie für die Messiasrolle, macht sie ansonsten aber nur noch interessanter und vor allem unberechenbar – „Rooms Of The House“ ist ein Beweis für Beides.

Dabei gibt man sich anfangs noch relativ wenig Mühe anders als auf „Wildlife“ zu klingen. Dreyers Erzählung gleitet dahin, bricht aus, beruhigt sich wieder, bricht wieder aus: „HUDSONVILLE MI 1956“ beschwört dieses Gefühl der Beklommenheit wie man es nur von den Herren aus Michigan kennt. Gleichzeitig ist da aber auch eine Portion des Giftes, das „Wildlife“ so hart zusetzte: Die Spannung, die sich partout nicht auflösen darf und stattdessen, ganz langsam, einschläfernde Eintönigkeit heraufbeschwört. Doch passiert genau das nicht, selbst die hochtrabenden Geschichten sind passe, auf „Rooms Of The House“ regiert der Alltag!

Banale, normale, manchmal fast biedere Ereignisse, nichts was einen direkt Aufhorchen ließe. Doch hinter all dem, was wir für normal, für immer gleich, ja für unbedeutend halten, verbirgt sich so unendlich viel mehr und hier übernehmen die Meisterdramaturgen. „First Reaction After Falling Through Ice“ besingt so genau was sein Titel verspricht und bringt alles rüber was er an Intensität vermuten lässt, während Dreyer diesen einen Gedankengang in einer beeindruckend chirurgischen Klarheit mit all seinen Panikschüben heraufbeschwört. „Wildlife“ blitzt nur in „THE CHILD WE LOST 1963“ noch einmal kräftig auf, danach ist es Geschichte und La Dispute zeigen endgültig sich von ihrer radikal neuen Seite – Jordan Dreyer schreibt Kurzgeschichten! Ist man ehrlich war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, aber sicher ob des Ergebnisses konnte man nie sein, bis jetzt. Die „Woman“-Stücke, „Objects in Space“ alle drei haben so simpel daher gesprochen genügend Tiefe um tagelang zu beschäftigen – Kate Chopin wäre stolz. Wie seine Kumpanen dabei die Stimmung einfangen und auf dieser Mission auch vor poppigen Melodien keine Angst haben, kann man ebenfalls nicht hoch genug loben. Diese neue Liebe führt aber auch dazu, dass „Rooms Of The House“ mehr vom Hörer verlangt als all seine Geschwister. Das genannte „Objects In Space“ mutiert da zur ultimativen Zerreißprobe:

In aller Seelenruhe breitet Dreyer die Vergangenheit vor sich aus, alte Postkarten, vergilbte Eintrittskarten, nie gemochte Mitbringsel, versinkt in der unbestimmten Sehnsucht nach der Welt all dieser Dinge – eine Studie der Langeweile und doch voller höchst intimer Momente, ein magischer Song oder eben ein mausgrauer.

„I think history’s a system of roads and there’s nowhere it doesn’t go“
Zum Glück machen es einem La Dispute nicht auf die volle Länge so schwer! „Stay Happy There“ etwa zeigt eine vertraute Band in Topform und auch „Extraordinary Dinner Party“ schockt nicht, sondern bringt seine schicken Emo-Gitarrenriffs schonend ins Spiel. Ebenfalls gefallen dürfte, wie „Woman (Reading)“ am Ende mit einem plötzlichen Parforceritt das berühmte I-Tüpfelchen aufgestülpt bekommt und dass die Bande es dann noch schafft diese ganzen Gesichter in einem Song zu bündeln („35“) ist am Ende irgendwie auch keine Überraschung mehr.

Dem unverhüllten Brocken „Wildlife“ ist auf den ersten Blick also ein deutlich bedächtigeres Werk gefolgt, doch ist „Rooms Of The House“ mindestens genauso ambitioniert, nur hält es einem diesen Anspruch nicht permanent vor die Nase – und genau das macht es zu einem besseren Album! Ob man mit der ruhigen Seite der Band nun klar kommt steht freilich auf einem anderen Blatt. Unstrittig dürfte dagegen sein, dass ein Schritt Richtung Hardcore-Schablone ein wenig anders klingt, doch ich weiß, ihr könnt nicht anders, also lobt sie halt weiter in den Himmel – verdient haben sie es ja!

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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