La Dispute – Wildlife

Album Wildlife
Band La Dispute
Redaktion
Lesermeinung
6.7272727272727

Zwei Bands. Eine Mission: Die Hardcorewelt gehörig aufmischen. Die Rede ist natürlich von Touche Amore und La Dispute, auch wenn insbesondere bei letzteren die Frage, wie viel das eigentlich noch mit Hardcore zu tun hat, durchaus berechtigt ist. Wie auch immer; die Bands der Stunde sind sie zweifellos und dabei grundverschieden.
Die Kalifornier um den kleinen Giftzwerg Jeremy Bolm haben sich ja auf die Fahne geschrieben dem Hörer die volle Breitseite von dermaßen persönlichen Texten und mitreißenden Melodien um die Ohren zu hauen, ohne dafür mehr als zwei Minuten pro Song zu verschwenden. La Dispute dagegen lassen einen Song nicht nur mal sage und schreibe 12 Minuten dauern, in denen die Kollegen fast ein komplettes Album spielen könnten, sondern gehen die ganze Sache auch sonst grundlegend anders an als ihre Kumpels von der Westküste.
Jordan Dreyer versucht sich seit jeher als Geschichtenerzähler und um seinen verzweifelten Sprechschreigesang spinnen seine Mitstreiter fein akzentuiert und ganz im Stile eines guten Films die Musik. Mit „Wildlife“ versucht man geschichtentechnisch jetzt den ganz großen Wurf und in Hinblick auf die vorher veröffentlichten Lyrics kann man diesbezüglich nur alle Hüte/Kappen ziehen. Aber gute Geschichten wollen bekanntlich auch gut erzählt werden.
Wie das geht? Mit „King Park“ liefern die Herren das Paradebeispiel ab. Eine Tatortstory mit verschiedensten Szenen und Stimmungen, grandios vertont und gipfelnd in absoluter Gänsehautathmosphäre („Can I still get into heaven if I kill myself ?“). Hiernach müsste Jauch schon Thilo Sarrazin mit neuem Buch zu Gast haben, damit ihm die geflashte Meute irgendwann wieder zuhört.
Nur hat „Wildlife“ trotzdem ein Problem; ein großes, das leider auch die Lyrics nicht übertünchen können. Ganz banal gesagt: Es ist zu lang. Natürlich ist „King Park“ nicht der einzige überzeugende Song. Da wäre etwa das rastlose „Safer in the Forest – Love Song for Poor Michigan“ wo Musik und Lyrics mal wieder perfekt harmonieren oder „Edit Your Hometown“, welches mit seinem Punch und der Thematik teilweise Touche Amore-Feeling herbeizaubert. Aber dazwischen tummeln sich zu viele der ungeliebten Lückenfüller. Die sind zwar textlich auch erstklassig, aber ansonsten einfach nur schrecklich monoton; ein Wunder übrigens, dass der Drummer nicht regelmäßig wegpennt. Schon die erste Kostprobe „Harder Harmonies“ hat genau dieses Problem und ist damit leider nicht allein. Unruhig, unkonventionell, ganz so wie man es kennt, aber was nützt es von Anfang bis Ende Spannung aufzubauen, wenn die sich einfach nie entlädt und der Song immer weiterplätschert?
„Wildlife“ hat alles. Es kann überraschen, mitreißen, aber leider auch furchtbar langweilen oder gar nerven. Verdient hat das solch ein ambitioniertes Werk wahrlich nicht, so ist es aber bezeichnend, dass die Punkte im fiktiven Duell ganz klar an die knapp 20 Minuten „Parting The Sea Between Brightness And Me“ gehen.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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