Landscapes – Modern Earth

Album Modern Earth
Band Landscapes
Musikrichtung Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
7

Hand auf’s Herz: Melodic Hardcore ist in den letzten Jahren ziemlich unter die Räder gekommen. Eine Vielzahl unterschiedlicher Bands firmiert inzwischen auf Facebook, Instagram oder Twitter unter diesem Genre. Dreht man die Uhr gut ein halbes Jahrzehnt zurück, hatte Melodic Hardcore aber noch herzlich wenig mit dem heutigen Pop-Appeal a la Being As An Ocean oder Crooks zutun. Bands wie The Carrier, Dead Swans oder Midnight Souls agierten rau, ungestüm und trotzdem immer höchst emotional – und sie kamen dabei ganz ohne die neusten Sneaker, schicksten Hemden und meisten Tattoos unter der Haut aus. Auf die Musik kam es an, passion before fashion.

Landscapes, die 2012 mit „Life Gone Wrong“ ihren Beitrag zu einem Melodic Hardcore leisteten, der noch mehr Punk als Pop war, melden sich nun, vier Jahre später, mit ihrem zweiten Album zurück. „Modern Earth“ versucht die Brücke zwischen zwei Generationen eines Genres zu schlagen und hätte kaum zu einem besseren Zeitpunkt erscheinen können.

Inzwischen bei Pure Noise Records (The Story So Far, Vanna) angekommen und mit diversen Europatouren, unter anderem mit Break Even und Defeater, auf dem Buckel, sind Landcapes auf „Modern Earth“ erwachsener und auch kritischer geworden. Vier Jahre liegen zwischen ihrem neusten Werk und dem von Verlustängsten und Herzschmerz durchzogenen „Life Gone Wrong“, das nicht selten (neben Love Let Me Go) zur Phrase einer ganzen Generation von Hardcore-Kids geworden ist.

Auch auf „Modern Earth“ ist die Angst eines „Life Gone Wrong“ noch immer präsent, aber sie hat sich vermehrt gewandelt: Während Songs wie „Radiance“, das an „D.R.E.A.M“ angelehnte „Death After Life“ oder das gerade einmal zweiminütige „Observer“ noch melancholisch-düster, ja fast depressiv daherkommen, verarbeiten Landscapes in „Neighbourhood“ die Angst vor dem Alleinsein in einer Gesellschaft, die immer weiter auseinander driftet – in der sich nicht mal mehr die Nachbarn morgens im Flur hallo sagen. „I often sleepwalk through the haze of daze / drifting streets of neighbourhoods at night / where nothing seems to ever fucking change“ heißt es da äußerst passend in „Embrace“.

Einen Schritt in eine neue Richtung wagen die Briten dann mit „Escapism“ und dem abschließenden „Heaven Ascended“. Fast schon frisch kommt der Sound der Band hier daher, die ja immerhin auch extra nach Kalifornien geflogen ist für die Aufnahmen, um mit Sam Pura (Basement, The Story So Far) zwei Wochen im Studio zu verbringen. Die Smashing Pumpkins-Referenz im Cover ist also nicht nur bildlich vorhanden, sondern auch im Sound der Band angekommen. Dennoch bleibt es leider bei diesen verhältnismäßig kurzen Ausflügen in neue Gefilde. Der größte Makel an „Modern Earth“ ist so zugleich auch die Stärke des Albums: Seine Beständigkeit. Landcapes klingen zumeist noch immer wie 2012. Bis auf ein paar wenige Nuancen, die dem Klangbild der Band aber durchweg gut stehen, hat sich nicht viel geändert in den letzten Jahren. Never change a winning team? Vielleicht.

Landscapes verfolgen auf ihrem zweiten Album den Anspruch, mehr zu sein als nur eine Phrase im Titel von unzähligen Instagram-Accounts. Das gelingt der Band nur teilweise. Zu sehr bleiben die fünf Briten verhaftet in dem, was sie mit „Life Gone Wrong“ geschaffen haben: Melodic Hardcore für die Generation Impericon. Der Befreiungsschlag ist also nicht ganz geglückt und dennoch ist „Modern Earth“ mit seinen rauen und kritischen Tönen noch immer ein Lichtblick für ein Genre, welches sich von seiner ursprünglichen Herkunft immer weiter entfernt.

The Carrier sind schon lange tot, More Than Life seit ihrem letzten Album nur noch ein Schatten ihrers einstigen Selbst. Wie lange Landscapes noch ihre Kreise ziehen werden ist ungewiss. „Modern Earth“ jedenfalls weckt Erinnerungen an eine Zeit, in der Melodic Hardcore noch Punk war und nicht Pop. Und das ist verdammt gut so.

Autor Patrick Siegmann
Wohnort Göttingen
Beruf Doktorand
Dabei seit September 2009
Deine Aufgabe bei Stageload Koordination Reviews, News
Top-Alben Viel zu viele. "Songs To Scream At The Sun" von Have Heart ist aber definitiv eines von den Alben, die mich am meisten geprägt haben.
Die besten Konzerterlebnisse Auf jeden Fall vorne mit dabei: Have Heart, Shipwreck AD, Rise And Fall und AYS in der Roten Flora in Hamburg, Juli 2009

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