Linkin Park – Living Things

Label Warner
Musikrichtung Alternative, Electro, Hip Hop
Redaktion
Lesermeinung
3

Wagen wir mal ein mutiges Experiment: Ein Linkin Park-Review ohne überbordende Nostalgie! Kein weiterer Nachruf auf den längst zu Grabe getragenen Nu Metal, kein erste Lieblingsband-Loblied, keine super simple Einleitung für den faulen Schreiber – was mich vor die Frage stellt, wie ich denn nun anfange?
Ein einfacher Blick auf die Diskographie der Herren vielleicht, da gibt es einiges zu entdecken und von Relevanz ist das natürlich auch. Die Texaner sind ja nicht nur die Schablone für Superstars, sondern obendrein auch noch heißer Anwärter auf den inoffiziellen Fleißpokal. Kaum ein Jahr ohne irgendeine Veröffentlichung, hat’s mal nicht für ein Album gereicht, wurde eben irgendeine Remix-EP rausgehauen. Einfach weil man’s kann – und weil’s gekauft wird. Diesen Sommer ist mal wieder full length-Zeit, wer auch immer also gerade auf Eins in den Charts ist, darf schon mal seine sieben Sachen packen; die Könige beanspruchen ihren Thron.
Hat bis hierhin reibungslos funktioniert die ganze nostalgiefreie Nummer. Trotzdem ist jetzt erstmal wieder Schluß damit und zwar nicht weil dem netten Herrn hier sonst die Worte auszugehen drohen, sondern weil es das selbstgesteckte Ziel des Sextetts ist, mit „Living Things“ wieder mehr nach damals zu klingen, also komm ich wohl nicht drumherum ein bisschen in der Mottenkiste zu wühlen.
Bei dem Bisschen wird es aber auch bleiben, denn schon auf „Lost In The Echo“ klingt das Ganze recht unentschlossen. Zwar darf sich Bennington am Ende mal kurz die Seele aus dem Leib schreien, aber im Kopf bleibt das synthieschwangere Effektgewabere. Nicht mehr so dominant wie auf dem Vorgänger, aber ohne sind Linkin Park anno 2012 nicht mehr zu haben. Wer nach den Vorabankündigungen tatsächlich nach etwas Härte lechzt, dem wird eine knappe Minute lang Freude bereitet. „Victimized“ klingt zwar mehr nach hektischem Slayerabklatsch als den alten LP, aber gut, wollen wir mal nicht zu kleinkariert sein, gerade weil die rockigen Elemente des Albums ansonsten butterweich verpackt sind. „Burn It Down“ dürfte ja bekannt sein (nein, nicht „An Tagen Wie Diesen“, das andere Lied) und „In My Remains“ schlagt in die selbe Kerbe, blitzsauberer Poprock eben. „Castle Of Glass“ bringt dazu immerhin noch als kleines Schmankerl etwas für die Melodieliebhaber mit. Das Zwischenfazit fällt folglich durchwachsen aus: Kein permanenter Elektropop mehr, Fortschritt, aber mit alten Zeiten hat das trotzdem nicht viel zu tun, es sei denn „Minutes To Midnight“ sollte die Referenz gewesen sein.
Wirklich ungemütlich wird „Living Things“ erst, wenn das neue Faible zutage tritt oder einfach wenn die zweite Albumhälfte anbricht. Linkin Park können nämlich jetzt auch Kitschballaden! Die lyrischen Großmeister sind schon immer Andere gewesen, doch wenn das Drumherum den Atem raubt, fällt kaum ins Gewicht, dass man vielleicht nicht mit dem Boss mithält. Aber zart unterlegt von Klavier und Glockenspiel ist „Road Untraveled“ mit „And let that mistake pass on ‚cause the love that you lost, wasn’t worth what it cost and in time you’ll be glad it’s gone“ letztlich nichts weiter als das perfekte Lied für die nächste DSDS-Staffel. Bohlenfrei ist „Until It Breaks“ zwar immerhin, aber dafür zugleich der ultimative Kampf zwischen grauenhaftem Raptrack und scheußlichen Orgeloutro um den absoluten Albumtiefpunkt. Unentschieden, eins der miesesten Sorte.
Wie reiht sich „Living Things“ nun ein in die Hitparade? Radiorock für alle ist definitiv besser als dieses äußerst innovative Manifest der Belanglosigkeit aka „A Thousand Suns“, selbst wenn sich einige tiefe Abgründe auftun. Nur sollten sich Linkin Park selbst vielleicht mal mit meiner anfänglichen Idee anfreunden:
Ihr werdet nie wieder etwas Hybrid Theory-Artiges produzieren, also hört auf die Pferde scheu zu machen!

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Journalist
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Redigatur
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
Die besten Konzerterlebnisse The National (Tanzbrunnen)

Kommentare

  1 kommentar

  1. Stefan Hoffmann [Facebook]

    Definitiv eine der schlechtesten Platten der letzten 5 Jahre.

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