Lirr. – god’s on our side, welcome to the jungle

Band Lirr.
Musikrichtung Post-Hardcore, Indie, Alternative
Redaktion
Lesermeinung
7

Kaum ein Debüt dürfte dieses Jahr größere Wellen schlagen, als dass der Kieler von Lirr. Dafür sprechen zunächst einmal die bisherigen Begleitumstände: Während die Co-Release Label Miss The Stars Records und Dog Knights Productions ob ihrer Vorliebe für Post-Gefrickel aller Art quasi aus der Logik geboren sind, ist der Release über Grand Hotel van Cleef schon ein gewaltiges Ausrufezeichen. Klar, die geografische Lage ist passend und mit Fjort und früher Escapado im Roster ist Post-Hardcore im weitesten Sinne natürlich auch kein Neuland für ein Label, das vor allem durch Namen wie Kettcar, Tomte oder Thees Uhlmann seinen Namen hat. Weiterhin war die erste Single-Auskopplung „This house is clean baby (this house is clean)“ ein Nackenschlag auf jede Erwartung, dass es einfach nur mehr Songs im Fahrwasser des überragenden Ritual-Tapes geben wird.

Nun ist der genannte Song mehr als Intro zu verstehen, nicht nur da er nur knapp über der Eine-Minute-Marke liegt, während der Rest der Songs sich gemütlich um gängige drei Minuten einpendelt. Vor allem aber zeigt das Lied die größte von vielen Stärken von „god’s on our side, welcome to the jungle“: Die unbändige Kreativität, der Lirr auf ihrem ersten Langspieler den vollst möglichen Lauf lassen. Das Album gibt sich als Potpurri moderner Musik und Lirr schrecken nicht im entferntesten davor zurück, auch mal ganz weit über den Tellerrand zu linsen.

Während „jungle, pt.1“ zu Beginn des Albums noch frickeligen (Post-)Emo mit ganz viel Twinkle-Elementen und nordisch-stoischen Riffs zelebriert, wird es danach zunehmend ausschweifender, was die musikalischen Einflüsse angeht: So klingt „sour, pt.1“ zunächst nach einem einwandfreien RnB-Song mit dezent rockiger Untermalung, beginnt „chicago, pt.1“ mit einem Lo-Fi Beat, klingt „mtv“ nach einem aufbauenden Indie-Rock-Song und knallt „down“ mit mathigen Riffs richtig schräg gerade aus. Immer wieder werden die Nummern durch nie unpassendes Geschrei aufgebrochen, gerne wird das Tempo zurückgenommen und gesungen. Der stimmliche Spagat wird nur getoppt durch das unglaublich versierte Gitarrenspiel, welches den sowieso schon extrem klug geschriebenen Songs nochmal die Sahnekirsche auf den Becher zaubert.

Lirr haben auf „god’s on our side, welcome to the jungle“ etwas ganz außergewöhnliches geschaffen und dabei Genre-Grenzen nicht nur aufgebrochen und eingerissen, sondern sie bisweilen auch gänzlich ineinander verfließen lassen – und das alles ohne den roten Faden zu verlieren oder einzelne Songs beliebig wirken zu lassen. Von vorne bis hinten strotzt das Debüt der Kieler vor Experimentierfreudigkeit, musikalischer Raffinesse und aus allen Ohren quillendem Talent. Dass Lirr auf einem Label wie Grand Hotel van Cleef gelandet sind, macht dann am Ende eben auch Sinn: Lirr sind die wohl interessanteste Band der deutschen Indipendent-Musiklandschaft – über alle Grenzen hinaus.

Autor Sascha Schüler
Wohnort Wechselt
Beruf Nein
Dabei seit Juni 2010
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