Lygo – Schwerkraft

Album Schwerkraft
Band Lygo
Label Kidnap Music
Musikrichtung Punkrock
Redaktion
Lesermeinung
8

Kluge Worte und bittere Wahrheiten reichen sich auf dem mittlerweile dritten Album der Bonner Punkrocker um Lygo die Hände. „Schwerkraft“ drückt so massiv aufs Gemüt, wie der Titel es andeutet. Spurlos geht das nicht an einem vorbei. Eine schmerzende Selbsterkenntnis in 12 Akten.

„Alles ist so egal, so lange das Gefühl stimmt, so lange es dich mitnimmt. Alles ist sowas von egal.“

Der Opener „Alles ist egal“ dauert keine Minute, beinhaltet keine 20 Worte, und doch drücken Lygo damit so viel aus, dass es fast schon für eine ganze EP reicht. „Schwerkraft“ beginnt mit Worten, die einen nachgrübeln lassen – und das wird sich für aufmerksame Zuhörer in den nächsten 30 Minuten nicht ändern. Die Songs handeln von Ängsten und Selbstzweifeln, die am Tag nagen und bei Nacht den Schlaf rauben – und je älter man wird, desto mehr scheinen sie zu werden.

Lygo erzählen Geschichten aus dem Leben: Wie schnell Träumereien und Utopien der Jugend verschwimmen und verschwinden, sobald man sich an einen geregelten Alltag gewohnt hat, bemerkt man meist erst, wenn sie schon längst verblasst sind. Lygo thematisieren die Aufgabe der eigenen Ideale in „Festgefahren“, ohne dabei den mahnenden Finger zu heben. Vielmehr erinnern die trockenen, resignierten und hochemotionalen Erzählungen an die teils kryptischen Texte von Love A und Captain Planet, sind aber alles andere als eine stumpfe Kopie. Denn Kopien gehen nicht so unter die Haut.

Für solch einen Gänsehautmoment sorgt „Schraubzwinge“, indem Lygo unverschämt offen die Frage stellen, was wäre, wenn morgen auf einmal alles vorbei wäre. Wie viele ungenutzte Chancen und wie viele unentschuldbare Sinnlosigkeiten würden wirklich auf der persönlichen Liste stehen? Könnte man mit seinen letzten Stunden hier zufrieden sein? Wohl eher nicht. Gruselgeschichten aus der Wirklichkeit eben. Denn die Inspiration für ihre düster-melancholischen Texte ziehen sie aus persönlichen Erlebnissen und ihrem Alltag. In „Gründe“ wird es dann auch mal kurz politisch, wobei die Band betont, eigentlich keine politische Band zu sein.

Aber all die Worte brauchen ja auch Melodien. Ihre drängenden, tief schürfenden Worte kleiden Basser und Sänger Jan Heidebrecht, Schlagzeuger Daniel Roesberg und Gitarrist und Sänger Simon Meier in energiegeladenen Punkrock, der ab und an kräftig mit Indie-Anleihen flirtet. Das funktioniert auf Anhieb. Dabei haben die Jungs kein neues System gefahren, sondern sind beim Schreiben der Songs ihrer Linie treu geblieben: Einer kommt mit einer Idee, die dann zusammen ausgearbeitet wird. Und auch an den Reglern gab’s keine Veränderung zu den letzten Alben, so haben sich Lygo wieder vertrauensvoll an Nico Vetter gewandt.

Am Ende von „Schwerkraft“ greift der letzte Song „Flughafen“ die eingangs gesungenen Zeilen von „Alles ist egal“ noch einmal auf, spannt den Bogen dorthin, wo alles begann. Ein bisschen Hoffnung haben Lygo wohl auch noch, dass es weiter geht. Das gilt hoffentlich auch für ihre Musik, denn „Schwerkraft“ ist so viel mehr, als nur eine weitere Punkscheibe. Lygo stehen auf „Schwerkraft“ für sich selbst, haben ihren eigenen Stil entwickelt – und das, was hier erzählt wird, ist so universell und nachfühlbar, dass es fühlbar nahe geht. Danke für diese Bereicherung.

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
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