Mahlstrom – MÆANDER

Album MÆANDER
Band Mahlstrom
Musikrichtung Hardcore
Redaktion
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Hinter den Fenstern dieser tristen Häuserfassade lauert Angst, Wut und Verzweiflung. Wer einen Blick ins Innere riskiert, bemerkt schnell, dass es hier keine Hoffnung mehr gibt. Mahlstroms Debüt MÆANDER ist eines der dreckigen, offenen Geheimnisse, die keiner hören möchte und die man am liebsten in dunklen, abgeschotteten Zimmern belässt – hier werden sie trotzdem ins Licht gezerrt.

„Wie soll ich das verstehen, die Empathie für dieses kalte Land?“

Mit zerstörerischer Intensität bahnen sich Markus am Bass und Martin am Schlagzeug ihren Weg durch die ersten Sekunden des Openers „Am Lachen vorbei“. Ein Punkgewitter, bis Sänger Jakob die ersten Zeilen herausschreit. Keine Zeit zum Aufwärmen. Viel zu viel zu sagen, um einen Gang runter zu schalten. Erst als Gitarrist Shammi das erste hallende Post-Hardcore-Riff einleitet, kommt etwas Ruhe in diesen aufgeregten, intensiven Auftakt. Hardcore trifft Emo trifft Punk, oder in anderen Worten Zwei Drittel Heizöl, ein Drittel Benzin.

Nach zwei EPs und einer Split mit Every Stranger Looks Like You, veröffentlicht das Quartett, dessen Mitglieder sich irgendwo zwischen Stuttgart und Hamburg niedergelassen haben, jetzt seinen ersten Langspieler über Through Love Records – und darauf gehen sie hart ins Gericht mit Gesellschaft, Politik und nicht zuletzt auch sich selbst.

Textlich muss MÆANDER dabei aber nicht wie die Musik die Brechstange zum Einsatz bringen. Hier gehen die Jungs sehr viel feinfühliger und subtiler vor. Dadurch wirkt ihr Erstling nach mehreren Durchläufen wie eine intensive Gruppentherapie, in der das schonungslose Bild im Spiegel sich als größter Gegner entpuppt – nämlich als der Part, der vielleicht etwas verändern könnte, aber viel zu selten aktiv wird. Zahllose Zitate aus den berührenden und intelligenten Texten könnten hier stehen, denn MÆANDER entpuppt sich als wahres Schwergewicht an rhetorischer Aufmüpfigkeit – und setzt damit gezielte Nadelstiche, die zum Nachdenken anregen.

Mahlstrom stellen die Fragen, die in so vielen Köpfen stecken, aber ihren Weg nach draußen nicht finden. Fragen, die sich sowohl an die ewig Gestrigen mit ihrer Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Attitüde richten, als auch an die, die tatenlos daneben stehen. Antworten geben die Jungs höchstens durch ihre Musik, die sich zwischen brachialer Härte und zurückhaltenden Momenten immer den passenden Zeitpunkt aussucht, um sich voller Energie auszubreiten oder eben ihre Kraft in kleinen Dosen abzugeben. Das funktioniert nicht zuletzt auch wegen der druckvollen Produktion wunderbar – und so jagt ein packender Moment den nächsten.

MÆANDER wirkt wie eine Selbstreflektion in 10 Akten. Mit dem Dreck der Straße und dem Staub an den Häuserwänden beschreiben Mahlstrom unerbittlich den Status Quo ihrer Generation. Der Stoff einer Dystopie, die ihren Weg in die Gegenwart gefunden hat. Schonungslos, hoffnungslos und erschütternd. Zeit, dieses kalte Gebäude zu verlassen.

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
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