Marteria & Casper – 1982 (Doppel-Review)

Album 1982
Musikrichtung Rap, Hip Hop
Redaktion
Lesermeinung
8

Für viele Fans war schon nach den ersten Duetten „Rock ’n‘ Roll“ und „Alles verboten“ klar – Marteria und Casper müssen irgendwann eine Platte zusammen aufnehmen. Nun haben sie es gewagt. „1982“ ist für die beiden Rapper vor allem ein Innehalten. Zurückblicken, was man bisher geschafft hat. Aber auch die Freundschaft, die Familie zu zelebrieren.

Zwischen entspannten Oldschool-Kopfnicker-Beats („1982“, „Champion Sound“), bedrohlichen Glockenlinien („Willkommen in der Vorstadt“) und fast schon dissonanten Klängen („Chardonnay & Purple Haze“) bewegt sich das Album musikalisch. Das ist weniger überraschend, vereinen Marteria und Casper gerade hier ihre Einflüsse und bieten so ein sehr abwechslungsreiches Spiel mit den Stilen. Insgesamt wirkt die Platte relativ entspannt, außer vielleicht bei „Adrenalin“, dem wohl kraftvollsten Track.

Sowohl musikalisch als auch textlich stechen auf „1982“ besonders die beiden Kollaborationen hervor. Die flirrende Ballade „Denk an dich“ mit der wunderbaren Stimme von Kat Frankie handelt von dem Dilemma, in dem die beiden Rapper täglich stecken: Familie oder Popstar-Leben? Ein sehnsuchtsvoller Song, der eine andere Seite des Star-Seins beleuchtet.

Zwischen Kaffeebechern und Schlaftabletten / Endlosen Fahrbahnflächen und Rastetoiletten / Verblasste Sanifair-Fetzen im Portemonnaie / Stress und Hektik, Last-Minute Check-in am Boarding-Gate, yeah / Ganz egal, wobei, ich denk‘ an dich / Was dich beschäftigt, wie’s dir geht, wie du schläfst, wo du bist. – Casper

Die zweite Kollaboration mit dem „Feine Sahne Fischfilet“-Sänger Monchi fällt vor allem durch die Desert-Rock-Einflüsse auf. In „Absturz“ wünschen sich die drei, aus dem Alltagstrott auszubrechen und einfach mal wieder abzustürzen.

Ich will, dass sonntags wieder scheiße ist / Man den ganzen Tag nur Scheiße frisst, Tetris zocken / Sich den Vibe aus der Seele kotzen / Ich will keine schlauen Dokus, ich will Iron Fist, ah. – Marteria

Innehalten, zurückschauen, Pause. Das gelingt Marteria und Casper besonders mit den beiden Tracks „1982“ und „2018“, auf denen sie ihre bisherige Karriere, ihren Lebenslauf Revue passieren lassen. Von der Kindheit in Bielefeld und Rostock über die Jugend zwischen MTV und Truman Show, die ersten Schritte als Rapper bis zum heutigen Punkt. Mit ihrem gemeinsamen Album haben Marteria und Casper einen weiteren Meilenstein geschafft.

(7/8) – Denise Frommeyer

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Der eine mehr so Slayer, der andere mehr Public Enemy – oder doch eher beide beides. Egal, denn die tiefe Verbundenheit und ihre enge Freundschaft kauft man Marteria und Casper uneingeschränkt ab. Auf ihrem Neuling „1982“ machen die Brothers from other Mothers wieder gemeinsame Sache, nur dieses Mal gleich auf Albumlänge. Ein eigentlich überfälliges Projekt. Aber taugt es auch?

Der Opener „1982 (Als ob’s gestern war)“ startet die Identitätssuche und gleichermaßen Vergangenheitsbewältigung der beiden 1982-Jahrgänge mit herrlich souligem Old-School-Ami-Beat und rührseligen Einblicken in die Kindertage, die der eine in Bielefeld und der andere in Rostock verbracht hat. Dort groß zu werden, unter den damals gegebenen Umständen, war für beide ein hartes Brot. Beide kommen aus ähnlichen Verhältnissen und schauen auf dieser Kooperation zurück auf Teenager-Tage voller Hoffnung („Champion Sound“) und Nächte bestimmt von Langeweile („Omega“). „1982“ lässt tief blicken. Ja, es ist ein sehr persönliches Album geworden, das sich Song um Song durch die Vergangenheit der beiden Hip-Hop-Stars schlängelt. Vorgetragen selbstverständlich im leicht krächzenden Rapstil Caspers und dem super smoothen Wortgeballer von Marteria.

Sie haben halt ihre Trademarks und zeigen eindrucksvoll, dass man über eine nicht ganz einfache Kindheit auch rappen kann, ohne dabei das Urban Dictionary der Beleidigungen rauf- und runterzubeten. Die Reime auf „1982“ sind allemal besser als vieles, was die vermeintliche Konkurrenz heute zu bieten hat. Eine wunderbare Rückkehr zu den Zeiten, in denen guter Sprechgesang noch über Wortgewandtheit definiert wurde, plus hartnäckige Gänsehautmomente bei Referenzen zu Eimsbush-Tapes und Alien-Bong-Postern. Es ist aber nicht alles gelungen: Denn etwas zu mühselig tönen die aufgesetzten Lowlights „Adrenalin“ und „Chardonnay & Purple Haze“, die auf dicke Hose und Verpeilertum machen. Aber auch das muss im Rap nun mal und Casper ist halt ein besserer Rapper als er ein Sänger ist.

Gegen Ende wird’s dann nochmal großartig: Wehmütig wünscht sich „Absturz“ längst vergangene Jugendtage geprägt von Entbehrung und Alkohol-Eskapaden nochmal zurück. Unterstützung kommt dabei von Monchi, seines Zeichens Enfant terrible und Frontmann der Punk-Combo Feine Sahne Fischfilet, der eine ausgesprochen gute Figur als Sidekick auf „1982“ macht – und auch der Gastauftritt von Kat Frankie, die dem verträumten „Denk an dich“ dank ihrer schmelzenden Stimme den Sternenstaub schenkt, setzt ein dickes Ausrufezeichen. Und wenn wir gerade bei Momenten mit Aussage sind: Eine kleine Abrechnung können sich die beiden Jungs dann doch nicht verkneifen und teilen im ironischen Abschluss „2018 (Gratulation)“ noch ein bisschen aus, aber hey „kein Salz, kein Salz!“. Die Angesprochenen werden’s sicher verkraften.

„1982“ ist die gelungene Old-School-Hip-Hop-Soundtrack-Zeitreise durch’s Leben zweier Rapper, die auf dem Weg nach oben eine lange Straße hinter sich bringen mussten – und ein Zeichen dafür, dass Aufgeben nie eine Option ist. Eine Platte, die die beiden Sympathen trotz kleinerer Makel noch etwas heller scheinen lässt. Bei dieser Zusammenarbeit konnte ja kaum was schief gehen. Wiederholung gerne erwünscht.

(6/8) – Andreas Steiner

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
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