mewithoutYou – Pale Horses

Dass Genregrenzen nicht immer klar zu definieren sind, ist bekannt. Daher lassen sich viele Bands auch keiner genauen Musikrichtung zuordnen. Ein anderer Grund für eine schwierige dauerhafte Lokalisierung ist, dass sich manche Bands immerfort klanglich verändern. Man schaue sich dazu nur einmal mewithoutYou an: Während ihres 15-jährigen Bestehens haben sie sich so sehr verändert, dass von ihren Wurzeln, die irgendwo beim Progressive Punk, Alternative Rock und Post-Hardcore liegen, nicht mehr allzu viel übrig geblieben ist. Im Gegensatz zum Debütalbum „[A→B] Life“ findet die aktuelle Veröffentlichung „Pale Horses“ nun wohl seinen Platz in der Schublade experimenteller Indie. Gleichgeblieben ist über die Jahre allerdings die spirituelle und bilderreiche Färbung der Texte – und der Interpretationsspielraum ebendieser.

Wenn man also versuchen möchte, die Lyrics (ansatzweise) zu verstehen, sollte man in diesem Falle auf die Art und Weise achten, wie Aaron Weiss sie von sich gibt. So wirken Zeilen wie „And I’ll wrap up your absence / In blankets of reverence / A mastodon shadow / Divided by zero“ ganz anders als die darauf folgenden „And comfort your family / With words like eternity / And friends made in factories somewhere“ („Blue Hen“). Aus dem simplen Grund, dass sie geschrien und nicht wie letztere schüchtern und zurückhaltend ins Mikrofon geflüstert werden. Auf die Frage, was da nun dahintersteckt, werden trotzdem wohl zehn verschiedene Leute zehn verschiedene Ideen und Meinungen parat haben.

Viel zu bieten hat auch die Instrumentalisierung. Zusammen mit dem Produzenten Will Yip, dessen Arbeit man schon von Größen wie Citizen und Title Fight kennt, haben mewithoutYou eine düster wirkende Musik erschaffen, bei er es schwierig ist, sie mit verständlichen Worten näher zu beschreiben. „Pale Horses“ ist schlicht großes Kino mit einfachen Mitteln. Beim Opener „Pale Horse“ spielt zu Beginn beispielsweise nur eine einzige Gitarre, doch nach etwa 40 Sekunden kommen urplötzlich eine zweite, Bass, Schlagzeug und Gesang hinzu. Das mag nach einer 08/15-Komposition klingen – ist es aber nicht! Es ist vielmehr eine Komposition, die andeutet, auf was man sich gefasst machen sollte. Ein Beweis, dass „simpel“ nicht mit „langweilig“ gleichzusetzen ist. Denn obwohl man weder die Akkordfolge noch die Melodielinie als komplex bezeichnen kann, wirkt das Ergebnis dennoch genau so. Eine Musikgewalt, die auf den Hörer niederprasselt und nichts als Staunen zurücklässt. Für die Texte ist diese Art von Musik die perfekte Untermalung.

Genau deshalb wird das Album interessant und beeindruckend zugleich. Eine große lyrische Interpretationsfreiheit gepaart mit einer einfachen Vielschichtigkeit in der Musik. „Pale Horses“ hat definitiv das Potenzial, mewithoutYous stärkstes Werk zu werden.

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