Mikrokosmos23 – Memorandum

Mikrokosmos23 - Memorandum

Mikrokosmos23 – Memorandum

Mutter aus dem „Osten“, Vater aus dem „Westen“ – durch diese Konstellation bin ich Ost-West-Diskussionen mittlerweile fast 20 Jahre nach der Wende seit jeher Leid. Umso schöner, dass sich mit MIKROKOSMOS23 eine junge Band aus den neuen Bundesländern aufmacht, unser aller Herzen zu erobern. Man könnte das Ganze schnell abhandeln: MIKROKOSMOS23 spielen deutschen Emopunk à la CAPTAIN PLANET mit ein paar kleinen Hardcore-Anleihen. Doch dass würde den vier Jungs nicht im Ansatz gerecht werden.


Bereits mit „Als wir jung waren ist jetzt“, dem Vorgängeralbum, entwickelten sich MIKROKOSMOS in der deutschen Szene zum absoluten Geheimtipp. Eingängige Melodien, dichte Atmosphäre aus Verzweiflung, Wut und Trauer und wohl platzierte musikalische Wutausbrüche sowie intelligentes Song-Writing zeugten schon da vom Potential dieser Band. Nun erscheint also auf dem Label „Unterm Durchschnitt“ die neue Scheibe Memorandum. Und diese stellt den Vorgänger noch einmal in den Schatten: Selten waren Emotionen so überzeugend, Melodien so mitreißend, gingen Riffs so unter die Haut , waren Texte so voller Herzblut und Intelligenz, selten hat Punk so mitgerissen. Ein ums andere Mal beschert einem die Musik Gänsehaut – und setzen die Texte noch einen oben drauf.
Düster sind diese, vor allem die „Angst“ findet immer wieder Einzug. Man fällt in Löcher, singt von leeren Phrasen, Träume bleiben auf der Strecke, Worte fehlen. Jedes Lied trifft mit unglaublicher Wut auf die Gesellschaft, auf das Leben. „Erfurt ich hasse dich!“ klingt es in „Traurige Lippen/Traurige Stadt“. Vom „Drecks Neuanfang“ ist in „FFWD/Reset“ die Rede, „niemand macht was richtig/und vor allem nicht wir“ zeigt in „Und da bist du“ ganz deutlich die Verzweiflung und auch das Intro aus dem Film „Fight Club“ trägt nicht minder zur Grundstimmung bei. Die Stelle „Die Geschichte von dir und mir/von den jungen Wilden/einer viel zu alten Stadt“ („Knightrider Generation“) hat auch aus musikalischen Aspekten selbst nach dem gefühlten tausendsten Durchgang noch Faktor 10 auf der Gänsehaut-Skala. Und noch mal über allem steht „Irland“ – 3:20 Minuten pure Emotionen. Vom ersten bis zum letzten Song wird dabei nie heruntergeschraubt, nie wird es auch nur eine Sekunde langweilig oder gar abgedroschen, die Musik fesselt und lässt nicht mehr los.
Auch nach mehrmaligem Durchhören und beinahe krampfhaften Suchen bleibt einfach die Gewissheit, dass MIKROKOSMOS23 mit „Memorandum“ nichts, aber auch nichts falsch gemacht haben, selbst das Cover lässt keine Wünsche offen und spiegelt auf wunderbare Weise den zerrissenen und verzweifelten Inhalt der Platte wieder. Dazu sind die Vier live ein absolutes Erlebnis und menschlich auch noch einfach nur sympathisch. Für Fans von CAPTAIN PLANET, MATULA, ADOLAR oder auch TURBOSTAAT ist die Platte sowieso absolute Pflicht – und jedem anderen sei gesagt: Wer sich diese Jungs nicht anhört verpasst die für mich beste Scheibe des bisherigen Jahres!

Autor Sascha Schüler
Wohnort Wechselt
Beruf Nein
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews
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