Mumford & Sons – Delta

Album Delta
Musikrichtung Alternative, Rock
Redaktion
Lesermeinung
3

Aus Versehen zum Superstar werden? In seichten Hollywood-Streifen kein Problem, aber wenn man Marcus Mumford glaubt, ist das seinen Kumpels und ihm tatsächlich in etwa so passiert. Der charakteristische Mumford & Sons-Sound wurde nämlich aus der Not geboren: Man habe eben meist nur akustische Instrumente zur Hand gehabt, erzählten der Band-Chef und Keyboarder Ben Lovett dem Guardian. Welch glückliche Fügung. 

Nun würden freilich selbst ihre größten Fans kaum ernsthaft behaupten, Mumford und Co hätten ihren Werkzeugen je sonderlich anspruchsvolle Werke entlockt. Warum auch? Springsteen liegen die Leute schließlich auch nicht wegen seiner virtuosen Gitarrenkünste zu Füßen. Und der Trumpf der vier Briten war (und ist) das untrügliche Talent simple Weisen mit einem derart drängenden Pathos zu versehen, als gäbe es nichts auf dieser Welt, was jemals größer und wichtiger sein könnte, als dieser Moment in dem Mumford innbrünstig schwört „I will learn to love the skies I’m under“. Furchtbar kitschig einfach und ebenso erfolgreich. Die Feinschmecker mögen noch so sehr die Nase rümpfen. Dieses simple Rezept hat das Quartett bis ins Weiße Haus gebracht und zu einem der größten Acts der Musik-Welt avancieren lassen. 

Und kein Zweifel: Sie wollen noch mehr. So fungierte „Wilder Mind“ als fein kalkulierter Schwenk hin zu einem noch größerem Publikum, das mit Indie oder Folk wenig anzufangen weiß, sich aber von perfekt produzierten Herzschmerz-Rock-Häppchen nur zu gerne einlullen ließ. Auf der Strecke blieb das Banjo – und die Magie der Band. Der Aufstand der alteingesessenen Weggefährten folgte prompt. Jetzt steht der Abschied an. Denn selbst wer den Herren bis heute wohl gesonnen ist, muss an „Delta“ zwangsläufig verzweifeln. 

Die Band selbst gibt sich derweil – wenig verwunderlich – begeistert, wenn es um ihr neustes Werk geht. Der Einzug der E-Gitarren auf „Wilder Mind“ sei eine Befreiung gewesen, so Bassist Ted Dwaine und bei den Aufnahmen zu „Delta“ habe es nun gar keine Grenzen für sie gegeben. Das hört sich gut an – bis man das Ergebnis zu Ohren bekommt. So hielten es die kreativ derart beschwingten Briten unter Anleitung von Adele-Produzent Paul Epworth offenbar für eine gute Idee sich ein wenig an RnB-Versatzstücken und programmierten Beats zu versuchen. Also wabert einem auf „Picture You“ ein schwachbrüstiger Synthie-Beat zu Schnipsen vom Band entgegen. Was sich liest wie ein schlechter Witz, klingt weitaus grausiger. Auch „Woman“ plätschert träge wummernd nur so dahin, unentschlossen und uninspiriert. Mumford schüttet zwar wie üblich sein Herz aus, doch dem Drama fehlt es an Verve. Bloß auf seinen Hang zum Kitsch kann man sich verlassen. Das völlig deplatzierte Streichorchester zum Abschluss von „If I Say“ unterstreicht dies im schlechtesten Sinne.

„So long as I have breath in my lungs, long as there’s a song to be sung, I will be yours and you will be mine, ever our lives entwined (Rose Of Sharon)“ 

Wie kraftlos Mumford & Sons 2018 daherkommen zeigt ausgerechnet die Speerspitze des Albums „Guiding Light“. Hier ist eigentlich alles da für den nächsten Kassenschlager – simple Akkorde, Mumfords bibelsichere Verse, als stünde einmal mehr alles auf dem Spiel und selbst das Banjo feiert seine Auferstehung. „Well I know I had it all on the line, but don’t just sit with folded hands and become blind, ‚cause even when there is no star in sight, you’ll always be my only guiding light“. Früher wäre diese Kombination eine Garantie für tränenreiches Dahinschmachten gewesen. Jetzt dudelt das Stück saft- & kraftlos vor sich hin, und verpasst konsequent jede Chance sich als lupenreine Stadionhymne zu entpuppen. Einer der lichteren Momente auf „Delta“ ist es dennoch. Und „Slip Away“ umgibt sogar etwas vom alten Sturm und Drang, der dem passionierten Romancier Marcus Mumford einfach steht („You find me holding my breath for you, it’s never more than I can take, I wouldn’t have it any other way, you find me on my knees for you“). 

Völlig aus dem mumfordschen Rahmen fällt dagegen „Darkness Visible“, ein reichlich kurioser Track, der sich nach einigen Anlaufschwierigkeiten tatsächlich im Post-Rock versucht – recht zahm zwar, aber doch reizvoller als das Gros der übrigen Songs. Die Piano-Ballade „Wild Heart“ macht mit seinen klassisch-bescheidenen Mitteln ebenfalls wenig falsch, wie auch wie der Titeltrack. Immerhin erklingt hier zum Abschluss einmal der volle Sound einer Band, die man auf „Delta“ ansonsten vergeblich gesucht hat. Zur bitteren Wahrheit gehört aber auch: Auf „Wilder Mind“ wäre es einer der schwächeren Songs gewesen. 

Glauben wir Mumford also mal und der puristisch-raue Folk-Sound, der seine Band groß gemacht hat, war wirklich mehr oder weniger Zufall, dann sind sollten sich die Herren wahrhaft glücklich schätzen. Denn wäre „Delta“ das erste Lebenszeichen dieser Band gewesen, würde ihre Namen bis heute niemand kennen.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Journalist
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Redigatur
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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