Neck Deep – The Peace And The Panic

Band Neck Deep
Musikrichtung Pop-Punk
Redaktion
Lesermeinung
4

„For mature audiences“ – für erwachsenes Publikum – das versprechen Neck Deep mit ihrem neuen Werk „The Peace And The Panic“. Bei einer Pop-Punk-Band ihres Kalibers kann man das eigentlich kaum ernst nehmen. Und doch, sowohl die Bandmitglieder, als auch ihre Musik haben sich in der Zeit nach Erscheinen von „Life’s Not Out To Get You“ verändert. In einem Interview gab Frontmann Ben Barlow zu Protokoll, ihr zweites Album sei in einer für sie äußerst glücklichen Zeit entstanden, doch gerade in den Monaten nach Release hätte sich ihr Blick auf die Welt verändert. Sie konnten Erfahrungen sammeln – mit Menschen, dem Leben und dem Tod – und haben erkannt, dass nicht immer nur alles schön ist und sich die Schattenseiten nicht lange verstecken können. Diese Einsichten hat sich nun auf ihren Sound ausgewirkt.

Direkt offensichtlich ist dies jedoch keinesfalls. Opener „Motion Sickness“ ist genau das, was man von den Briten erwartet: Flotter, Up-Beat-Pop-Punk. Zumindest musikalisch weckt der Track Erinnerungen an frühere Releases und ist somit ein idealer Einstieg. Textlich lässt sich allerdings spätestens beim zweiten Song „Happy Judgement Day“ erahnen, dass Neck Deep nun einen anderen Weg eingeschlagen haben: „Is it just me or does anyone else feel like this could be farewell? Oh, we almost had it but we pissed it all away. Building walls and dropping bombs, stop the world I’m getting off. It’s been a long time coming. Never thought I’d see the day when the world went up in flames”. Die gesellschaftlich-politische Weltlage soll eingefangen werden. Neck Deep werden abseits aller Emotionen kritisch. Freilich gibt es durchaus bessere (politische) Zeilen. Dass sie es auch besser können, zeigen sie aber spätestens bei „Don’t Wait“.

Ein bisschen plump wirken ihre Texte mit „Disrupt and keep dividing, the government is lying, I’m not gonna be a fallacy of this society. Turn off your TV station, that’s not real information, trying to define human mind, it’s like puppetry” zwar auch hier, doch trotzdem sticht „Don’t Wait” absolut positiv hervor. Der Grund: Von Beginn an ist er rauer und weniger poppig als seine Mitstreiter. Die Wut, die Neck Deep schon in die Lyrics gepackt haben, wird auch im Songwriting nur allzu deutlich. Die Gastvocals von Architects-Sänger Sam Carter überschatten dennoch alles. Laut, aggressiv und alles übertönend schreit er drauf los – nicht nur für Fans seiner Band ein wahrer Gaumenschmaus. Mit „The Peace And The Panic“ wollten Neck Deep einen anderen Weg einschlagen. Gut, dass sie keine Angst vor Experimenten haben.

Manche Herangehensweisen haben sie aber natürlich übernommen. Was „Candour“ auf „Wishful Thinking“ und „December” auf „Life’s Not Out To Get You” waren, ist „Wish You Were Here” so nun auf “The Peace And The Panic”: Die Verschnaufspause. Ruhiger und dadurch intimer. Akustisch und emotional. Und höchstwahrscheinlich Ben Barlows Vater gewidmet, der vergangenes Jahr verstorben ist: „They say you’re in a better place, but a better place is right here with me. Yeah, they say you’re in a better place, too bad it’s not what I believe”. Doch es gibt auch noch einen weiteren Song, der zumindest textlich diese Sprache spricht – „19 Seventy Sumthin‘“. Es ist die Geschichte zweier junger Liebender. Wie sich später herausstellt besingt Barlow die Geschichte seiner Eltern, vom Kennenlernen bis zum Trauern um den Tod seines Vaters:

And though he’s gone, I know he’s gone, but he lives on in all of us, and I will hold you when you cry. Because that’s what he would’ve done. And we will hold you when you cry, because that’s what family does”.

Die letzten Monate und Jahre haben Neck Deep einiges gelehrt, was sich unweigerlich auch in ihrer Musik widerspiegelt. Die fünf Briten klingen dabei immer noch nach sich selbst, sind inzwischen scheinbar aber ehrlicher mit sich und der Welt. Auf „The Peace And The Panic“ haben sie sich Dinge getraut – von einem sehr starken Feature mit Architects bis hin zu (nicht ganz so starken) politischen Texten. Neck Deep sind in der Welt herumgekommen, haben ihre Erfahrungen gemacht und eine andere Sichtweise bekommen. Sie machen immer noch Pop-Punk, inzwischen aber weniger kindlich. Sie sind erwachsen geworden – und klingen auch danach.

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