Nessi – Rolling With The Punches

Band Nessi
Musikrichtung Pop, Electro, Pop
Redaktion
Lesermeinung
7

Gute deutsche Musik ist rar. Die Weltmeister erfüllen ihr Klischee als Lederhosenträger und Biertrinker gekonnt, indem sie den Hype um Schlagerikone Helene Fischer zelebrieren und sie als Popsternchen an die Spitze der Charts befördern. Aus dem Radio schallt das Gejammer von Revolverheld und Grönemeyer nuschelt uns die Ohren voll. Der deutsche Hip Hop wird an dieser Stelle bewusst ausgelassen, denn das würde diesen Rahmen definitiv sprengen. Aber seien wir mal ehrlich: Sind diese Künstler denn international erfolgreich? Die einzig in dieser Hinsicht würdigen Vertreter deutscher Tonkunst sind wohl nur Rammstein und Tokio Hotel. Und durch ihre spezielle Art von Musik und ihre noch speziellere Fangemeinde ist der Begriff „würdig“ durchaus diskutabel. Traurig eigentlich, denn es gibt einige deutsche Musiker, die einen internationalen Durchbruch durchaus verdient hätten. Die Hoffnung stirbt aber bekanntlich zuletzt und das ist hoffentlich auch bei ihr der Fall:

Nessi, 25 aus Berlin, jung, talentiert und so gar nicht auf den Mund gefallen. Nach ihrer EP im Februar 2014 präsentiert sie jetzt ihr Debütalbum „Rolling With The Punches“ – und das sitzt! Frischer Electro-Pop, leichte Beats und Texte, die förmlich aus der Seele sprechen. Der Sound erinnert zwar stark an Bands wie Chvrches oder The 1975, klingt dabei aber nicht kopiert. Dazu kommt eine Stimme, die sich definitiv hören lassen kann. „Rolling With The Punches“ ist eine Platte, die sich perfekt als Stimmungsmacher eignet. Ob bei der momentan sehr populären Zusammenkunft zwecks Vorglühen, später im Club oder einfach um die Laune zu heben.

Gleich zu Beginn legt Nessi die Messlatte extrem hoch. „And I Fall“ ist eine flotte Nummer; perfekt geeignet um mit den Hüften zu wackeln und den Füßen zu tippen. Electro-Elemente paaren sich perfekt mit eingängigen Beats. Der Song hat echten Ohrwurm-Charakter und verleitet spätestens ab dem Refrain dazu, lauthals mitzusingen. Etwas langsamer, aber genauso eingängig folgt dann „Take Me Back“. Puristischer Radio-Pop, der auch nicht mehr braucht als ein paar gute gewählte Electro-Töne und eine dezente Bass-Line. Im Refrain schießt Nessi ihre Texte dem Zuhörer förmlich entgegen und bringt so dann doch wieder etwas mehr Schwung in den Song. Der Titeltrack des Albums bringt zur Abwechslung eine E-Gitarre mit ins Spiel. Eine Tanznummer, die auch mit ihren Lyrics überzeugen kann. „These days have left their marks. But I won’t go down without a fight.” Auch der nächste Song, „Brush You Off“, reiht sich gut an seine Vorgänger – energiegeladen und ansteckend.

Im Anschluss folgt die ruhigere Seite des Albums: „Not The One“ ist eine schöne Ballade, bei der Nessi endlich ihre gute Stimme präsentieren kann. „Wide Eyed“ hingegen ist enttäuschend und klingt eher nach einem 90er Blümchen Song – der unerklärliche Tiefpunkt des Albums. „Never Enough“ fällt aus dem vorherigen Sound des Albums dagegen komplett raus. Der Song beweist: Weniger ist mehr. Ein Klavier als einzige Begleitung, während Nessi uns ihr Leid klagt – leider nicht besonders lange. Gegen Ende des Albums werden die Songs experimenteller: mal eine Art Glockenspiel bei „Invinsible“ oder Synthesizer-Sounds bei „Heart Of Gold“. Mit einer letzten, ruhigen Nummer klingt das Album dann langsam aus. „Run“ beschließt die musikalische Reise mit sanften Klaviermelodien, die sich dann in schnellere Electro-Sounds wandeln. Die neuen Coldplay lassen grüßen.

Alles in allem ist „Rolling With The Punches“ ein Tanzalbum, aufgelockert durch schöne Balladen, das man wirklich gehört haben sollte! Nessi beweist nicht nur ihr gutes musikalisches Gespür mit allerlei Electro-Spielereien, sondern überzeugt obendrein auch noch mit einer wunderschönen Stimme und tiefgründigen Texten. Einzige Gefahr des Albums: Eintönigkeit durch den Electro-Sound, der aber gut durch andere musikalische Werkzeuge aufgepeppt wird.

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