Northlane – Alien

Album Alien
Band Northlane
Label UNFD
Musikrichtung Metalcore
Redaktion
Lesermeinung
6.5

Manchmal braucht es einfach Zeit, um sich zu öffnen. Schließlich kann dieser Prozess eine sehr schmerzhafte Erfahrung sein. Besonderen Mut erfordert es zweifelsohne, wenn die Worte nicht im Familien- und Freundeskreis verbleiben, sondern weit darüber hinaus Publikum finden. So ist es etwa bei Marcus Bridge der Fall, der 2014 in den Northlane Auditions als Nachfolger für Adrian Fitipaldes ausgewählt wurde und dadurch ziemlich plötzlich im Rampenlicht stand. Nun waren die Fußstapfen, die sein Vorgänger hinterlassen hatte, wirklich nicht klein und die Fangemeinde dem Neuen durchaus kritisch (bis unfair) gegenüber. Erst ein Jahr zuvor hatten die Australier das grandiose „Singularity“ veröffentlicht, neues Material war selbstverständlich heiß erwartet. „Node“ und „Mesmer“ spalteten dann auch ein wenig die Gemüter. Manche vermissten den aufgeregten und impulsiven Charakter von „Singularity“, andere schätzen die ruhigere Herangehensweise.

„Alien“ offenbart nun ein neues, drittes Gesicht der Band und bringt eine Menge Schwung in Northlanes Diskographie. Musikalisch einerseits, denn „Alien“ mischt die Karten neu und birgt einen Überraschungseffekt, der beim letzten Album „Mesmer“ nicht mehr zu entdecken war. Inhaltlich andererseits, denn Marcus Bridge enthüllt seine traumatische Kindheit, die zwischen drogenabhängigen Eltern und Gewalt stattfand. Dabei vermengen sich die wunderbar erzählten Texte und der düstere, nicht zuletzt experimentelle Sound zu einem spannenden und außergewöhnlichen Album. Die Art und Weise, in der Northlane Metal und elektronische Musik miteinander verweben, hebt sich erfrischend ab und dürfte sogar Leute ansprechen, die sich mit dieser Kombination sonst eher schwertun.

Schließlich würfeln die Australier nicht einfach hippe Beats in ihren Sound. Daher ist „Alien“ kein am Reißbrett entworfenes Album, auf dem sich grimmige Nackenbrecher-Riffs und feucht-fröhliche Dance-Passagen ohne Sinn und Verstand abwechseln. Northlane vereinen die unterschiedlichen Aspekte vielmehr zu einem organischen und ungezwungenen Ganzen. „Eclipse“ etwa lässt Gitarren und Beats umeinanderwabern und zu einer Einheit verschmelzen. Manches mag dabei durchaus ein bisschen ungewöhnlich klingen. So bewegt sich „4D“ irgendwo zwischen tanzbaren Beats, Oldschool-Videospielklängen und zeitgenössischem Metalcore. Und ja, ein wenig seltsam mutet dieses schwer zu identifizierende Geräusch ab 2:11 dann schon an. Aber schließlich lässt Gitarrist John Deiley ja auch verlauten, dass man ein Album kreieren wollte, das die Leute anekelt.

Das ist, je nach dem wie großzügig man den Begriff auslegt, sogar gelungen – im positiven Sinne selbstverständlich. Denn „Alien“ erfüllt oftmals ein sehr beklemmender, zum Teil fast verstörender Geist. Es ist eben nicht nur ungemein atmosphärisch, sondern auch ein wenig schaurig, das nervös machende, pulsierende Wummern im Hintergrund der Strophen von „Bloodline“ zu vernehmen. Oder aber das unangenehme Grummeln im sonst so ruhigen „Rift“. Diese Eindringlichkeit spiegelt sich in den Texten wieder, in denen Marcus Bridge die Dämonen seiner Vergangenheit hervorholt und zum Beispiel davon erzählt, wie sein Vater vor seinen Augen mit einer Waffe bedroht wurde: „Sharing a tired mattress on the floor / Hazy eyes in the night / Walking to the crash / As he broke down the door / Loaded for a slaughter / ‚Please don’t kill me in the face of my son and daughter‘ / I still hear them screaming but I can’t feel at all“ („Freefall“).

Musikalische Raffinesse, Mut zum Unkonventionellen und ein offener Marcus Bridge machen „Alien“ zu einem extravaganten und originellen Album, mit dem sich am Ende vielleicht nicht jeder anfreunden kann, es aber zumindest versucht haben sollte. Und wem das alles zu viel wird bleiben ja immer noch halbwegs klassische und im Übrigen recht harte Tracks wie „Details Matter“, „Free Fall“ oder „Vultures“. Im Idealfall aber, und den lege ich jedem ans Herz, sollte man sich schon auf das ganze Album einlassen – es lohnt sich.

Autor Joshua Claaßen
Wohnort Goch
Beruf Schüler
Dabei seit Oktober 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews
Top-Alben Ständig im Wandel, zu meinen Favoriten gehören aber auf jeden Fall: Stick To Your Guns - Diamond, Being As An Ocean - How We Both Wondrously Perish / Dear G-d, The Ghost Inside - Get What You Give, The Amity Affliction - Let The Ocean Take Me
Die besten Konzerterlebnisse Kann ich mich nicht festlegen, Stick To Your Guns und Being As An Ocean sind live aber immer ein absolutes Highlight!

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