Nothing – Tired Of Tomorrow

Band Nothing
Musikrichtung Alternative, Shoegaze
Redaktion
Lesermeinung
7

Jetzt schon wissen, dass der morgige Tag von Müdigkeit regiert wird. Für die einen erstrebenswert: Was ich gestern alles geschafft habe! Für die anderen dagegen bittere Gewissheit, denn was ich gerade tue, wird mich verfolgen. Hier kommen Nothing ins Spiel.

Nachdem Palermo und Co. mit ihrer letzten Platte „Guilty Of Everything“ dessen Reue nach seinem Gefängnisaufenthalt Stück für Stück abgearbeitet haben, wird sich nun allgemeineren Problemen zugewandt. Vermessen wäre es jedoch zu sagen, dass diese nicht ein ähnliches Maß an Schwermut bereit hielten.

„Guilty Of Everything“ war direkter, trotz teils ausufernder Gitarrenpassagen prägnanter und auf offensichtlicher Ebene strukturierter. „Tired Of Tomorrow“ hingegen nimmt einen bei der Hand und lässt von Anfang bis Ende nicht mehr los, auch wenn der Griff hier und da gelockert wird. Dabei entwickelt das Album eine unaufhaltsame Eigendynamik, in die sich beispielsweise auch das vorab veröffentlichte „Eaten By Worms“ noch viel vorzüglicher einpasst, als das der bedachte und bisweilen monotone Song für sich stehend vermuten ließ.
„You know me and you know I am not well“

Die eigenen Probleme sind bekannt, sie werden keineswegs durch die rosarote Brille wegdiskutiert. Nur dagegen anzugehen scheint schwierig, also gilt es anderweitig Auswege zu suchen. „Tired of Tomorrow“ ist ein knapp fünfundvierzigminütiger Drogenrausch mit mächtigen Nachwirkungen. Mit unglaublicher Sogkraft wird man hineingezogen in schwere, träumerische Riffs und bisweilen existenzialistischen Nihilismus. Immer und über allem thront die Frage: Warum? Und wie soll das alles weitergehen? Doch im Moment ist das alles zum Glück noch zweitrangig. Diesen verpennen und die Zukunft nicht ins Auge fassen können. Stattdessen ziellos vor sich hintreiben – und sich damit abfinden, in einem Zustand losgelöster Schwerelosigkeit. Am Ende sogar unterstützt von Streichern und Piano.

„This is what god is?“

Am Ende ist der Titel Programm: Wenn die Chose vorbei ist, das ist gewiss, bleibt einem erst einmal nichts außer einem flauen Gefühl im Magen, metaphorischen Augenringen – und dem Verlangen nach mehr, im Angesicht der zurückkehrenden Probleme: Der Morgen danach wird in mächtiger Depression gipfeln. Nach dem großen Hoch folgt das bodenlose Tief. Trotzdem, oder gerade deswegen, ist „Tired Of Tomorrow“ ein großartiges Album, das den Vorgänger nochmals in den Schatten zu stellen vermag. Noch schwermütiger, noch verträumter, noch eigenständiger pendelt „Tired Of Tomorrow“ zwischen befreiender Wirkung und schwer im Magen liegen.

Autor Sascha Schüler
Wohnort Wechselt
Beruf Nein
Dabei seit Juni 2010
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