Organa – S/T LP

Album S/T LP
Band Organa
Label Pike Records
Musikrichtung Crust, Punk
Redaktion
Lesermeinung
6

Die glorreichen Zeiten des deutschen Crust-Punk sind schon lange vorbei. Jungbluth haben sich umbenannt und machen nun Post Punk, Lentic Waters fahren inzwischen ebenfalls eine komplett andere Schiene und Perth Express sind für manchen nur noch Bruchteil einer Erinnerung. Nostalgie pur also, die Organa aus Bielefeld mit ihrer Musik wecken. Eine Band, die aus dem nahen Umfeld von illustren Formationen wie Weak Ties, Sømerset und Auszenseiter heraus entstanden ist und nun ihre Debüt-EP über Pike Records (Sport, Øjne) auf 12“ Vinyl herausbringt.

Bereits Ende 2017 digital veröffentlicht, bietet das selbstbetitelte Debüt das, was man erwartet: Sechs Songs (plus Intro), die stark an oben genannte Bands erinnern, teilweise aber etwas mehr in die Hardcore-Schiene abdriften (ein paar Reminiszenzen an Trainwreck kann man nicht leugnen). Das wirkt über die 15 Minuten Spielzeit durchweg intensiv, wenn auch wenig innovativ. Der raue, drückende Sound (Tonmeisterei Oldenburg sei dank), gepaart mit den wirklich angepissten Vocals tut der Band dabei hörbar gut. Zwar werden einige teils melodische Spielereien und Kniffe im Songwriting geboten („Desensibilisiert“ und „Draisine“ wären hier als Anspieltipps zu nennen) und auch der mehrstimmige Gesang überzeugt, dennoch bewegt sich alles auf gewohntem – deswegen aber freilich nicht schlechtem – Terrain.

Organa haben Ahnung von dem, was sie tun. Das merkt man nicht nur musikalisch: Hervorzuheben sei auch besonders die Vinyl-Version: Die kommt nämlich mit einem schicken Etching auf der B-Seite und einem schön minimalistischen Artwork daher. Zu viele Farben und designtechnische Finessen hätten zu dieser Art Musik ja eh nicht gepasst. Genau so geht es lyrisch – typisch für dieses Genre – dystopisch und sozialkritisch zu:

„Keine Luft in der Lunge gespart | den Faden verloren um den Galgen zu knüpfen | erst Ideen abgeschrieben dann sich selbst | fest gesetzt | eingebrannt | ohne Licht im Auge und nur Gift im Ohr“ (Draisine)

Friede, Freude, Eierkuchen sind hier also fehl am Platz. Es geht um Enttäuschungen, den Druck der (Arbeits)Welt und den allgemeinen Verdruss der menschlichem Existenz in der modernen Zeit.

Aus dem inzwischen licht gewordenen Dickicht der deutschen Crust-Szene stechen Organa also nicht durch Innovation hervor, sondern dadurch, dass sie simplen Crust-Punk machen, wie er auch 2008 schon geboten wurde, und dabei sehr gut ins Ohr gehen. Wer den alten Zeiten also nachtrauert und findet, dass Jungbluth ruhig hätten weiter Crust machen sollen, der ist mit dem selbstbetitelten Debüt von Organa bestens bedient. Eine runde Sache!

Autor Patrick Siegmann
Wohnort Göttingen
Beruf Doktorand
Dabei seit September 2009
Deine Aufgabe bei Stageload Koordination Reviews, News
Top-Alben Viel zu viele. "Songs To Scream At The Sun" von Have Heart ist aber definitiv eines von den Alben, die mich am meisten geprägt haben.
Die besten Konzerterlebnisse Auf jeden Fall vorne mit dabei: Have Heart, Shipwreck AD, Rise And Fall und AYS in der Roten Flora in Hamburg, Juli 2009

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