Petrol Girls – Cut & Stitch

Album Cut & Stitch
Musikrichtung Hardcore
Redaktion
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Patchwork verbindet viele kleine Teile zu einem großen Ganzen. Die Gefahr dabei ist nur immer, dass wenn ein Faden reißt, das gesamte Gebilde auseinander zu gehen droht. Petrol Girls bewegen sich auf ihrem neuen Album „Cut & Stitch“ weiter in Richtung ihrer EP „The Future Is Dark“. Für den Sound bedeutet das mehr Eingängigkeit und weniger Wut, die aber nicht komplett verschwindet. Die Band verbindet die Soundelemente. Nach dem ersten knallharten Album und der teilweise verträumten EP ein gewagter Spagat. Werden die Fäden halten?

Das Album sei im Gesamten ein Patchwork aus verschiedenen Sounds, Ideen und Gefühlen, sagte Sängerin Ren Aldridge im Vorfeld der Veröffentlichung. Es sei das Experimentellste, was die Band in Bezug auf Musik und Texte bisher gemacht habe. Nadelstiche könnten einfach wieder entfernt, neue Formen zurecht geschnitten und neu arrangiert werden. Ein fortlaufender Prozess, den die Band auf ihrem neuen Album deutlich hörbar macht.

Sie nehmen die alten, rohen Stücke, trennen die Nähte auf und fügen neue Elemente wie Sprechpassagen, ruhige, sphärische Parts und noch verspieltere Melodien ein. Schon im Intro präzisiert die Band ihre Beweggründe: Welche Regionen kann Sound erreichen, an denen unsere Körper selbst nicht ankommen. Wo kann Sound berühren, wo es Hände nicht können – und wie können wir die Berührung zurück geben? Fragen, auf die die Band, die sich 2012 mit Mitgliedern aus Litauen, Österreich und dem UK in London zusammengefunden hat, Antworten sucht – gleich im Opener.

„The Sound“ eröffnet mit alten Stärken: Vertrackte Rhythmen á la At The Drive-In treffen auf Refused-Hardcore-Raserei und wütende Shouts. Und auch die ersten Spoken-Word-Passagen werden eingeflechtet, die ersten unvorhersehbaren Wendungen eingestreut und von männlichen Hintergrund-Vocals untermalt. Man hört den Songs die Experimentierfreude an, die die Band im Proberaum entdeckt hat. Songs müssen nicht zwangsweise von A nach B geführt werden. Sie können reisen, ausufern und wieder eingefangen werden. Dabei erfinden sich Petrol Girls aber nicht komplett neu. Die Wut des Vorgängers ist nicht weg, sie tritt einfach kanalisierter auf. Schlummert manchmal für einen kurzen Moment, um dann zu explodieren. Hochdosiert in schnellen Schüben. So hochprozentig, dass die Kehle brennt und die Augen tränen.

Textlich wird die Band nicht müde, weiter Aufklärungsarbeit zu leisten und zu mehr Engagement aufzufordern. Auch zunehmenden Nationalismus („No Love For A Nation“) spricht die Band an. Und immer mit dabei: Das Mutmachen, der Hoffnungsschimmer, dass man nicht alleine ist, dass aufzustehen sich lohnt – wie in „Big Mouth“: „I’m raising my voice louder. It carries me beyond their walls. Our silence will not save us. They can’t contain they can’t control.They can’t control.“

Ren Aldridge sagte im Vorfeld über „Cut & Stitch“ übrigens auch noch, dass Wut von selbst nie nachhaltig ist. Sie hoffe, dass das neue Album menschlicher und ehrlicher sei. Sie kann beruhigt sein. Die Nähte halten bombenfest. Petrol Girls machen auf dieser Platte einen weiteren, großen Schritt in ihrer Entwicklung und liefern ein weiteres ganz wichtiges Werk im Kampf für den Feminismus. Eine Statement für mehr Engagement, weniger Kopf einziehen und weniger Angst – politisch, wie menschlich.

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
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