Pity Sex – White Hot Moon

Band Pity Sex
Musikrichtung Lo-Fi, Indie
Redaktion
Lesermeinung
7

Run For Cover Records ist in den letzten Jahren zu einer wahren Goldgrube für überdurchschnittlich gute und eigenständige Indie-Bands geworden: Citizen, Turnover, Pinegrove, Tigers Jaw. Die Liste ließe sich schier endlos fortführen. Auch Pity Sex gehören dazu. 2013 erschien „Feast Of Love“, das Debütalbum der Band aus Ann Harbour und schlug Wellen bis nach Europa. Schade nur, dass es die Band bislang nie über den großen Teich geschafft hat (die UK-Tour 2015 mal ausgenommen). Nun erscheint mit „White Hot Moon“ knapp drei Jahre nach „Feast Of Love“ das zweite Album des Vierers aus der Nähe der Motorcity Detroit.

„White Hot Moon“ ist ein Auf und Ab der Gefühle: Während „September“ ein klassischer Lovesong ist, ist „Plum“ eine traurige Ballade über den frühen Tod von Brittany Drakes Mutter; „Bonhomie“ dagegen ist ein durch und durch treibender Indie-Rock-Song mit Lo-Fi-Touch und „Dandelion“ lädt zum Träumen ein. Aber egal ob fröhlich oder traurig, ob rockig oder verträumt: Pity Sex sind intensiv und gleichermaßen feinfühlig. Einzig und allein der fast schon Post-Hardcore-artige Gitarrenpart am Ende vom Opener „A Satisfactory World For Reasonable People“ wirkt doch ein wenig aufwühlend im herrlich-seichten Spiel der sonst so eingängig-verträumten Melodien.

Pity Sex – Wind Up from Alex Henery on Vimeo.

Im Gesamtbild kommt „White Hot Moon“ aber ganz ohne Experimente aus: Pity Sex machen genau da weiter, wo sie 2013 mit „Feast Of Love“ aufgehört haben: Verträumter Lofi-Rock mit gefühlvollem Wechselgesang. Und dieser Wechselgesang von Gitarristin Brittany Drake und Gitarrist Brennan Greaves ist seit je her das größte Plus der Band. Während Greaves mit seiner doch recht monotonen Stimme auf Dauer eher einschläfernd wirken würde (man erinnere sich an Adam McIlwee von Tigers Jaw, den man kaum über 4 Minuten ertragen konnte) und man sich wohl kaum vorstellen möchte, über 30 Minuten ein „Wappen Beggars“ in Dauerschleife zu hören, kommen einem „Nothing Rips Through Me“ und „What Might Soothe You“ mit ihrem dynamischen Wechselgesang doch sehr gelegen.

Manchmal wirkt der Gesang von Drake und Greaves sogar derartig harmonisch, dass es sich wie eine Unterhaltung zweier Frischverliebter anhört. Bestes Beispiel dafür ist wohl das bereits vorab veröffentlichte „Burden You“: „We’re so morphed leading in spring / but somehow my days keep dragging / I want your summer salted skin / without your smile that’s wearing thin“. Erstaunlich, dass der Hauptsongschreiber hier eigentlich Schlagzeuger Sean Charles ist, der sich aber dezent im Hintergrund hält, wo er dennoch den größten Beitrag zur Harmonie und Dynamik von „White Hot Moon“ liefert.

Trotz der musikalischen Leichtfüßigkeit , die man schon von „Feat Of Love“ gewohnt ist, ist „White Hot Moon“ dennoch ein tief-melancholisches Album, das sich nicht nur Problemen der modernen Technik und der Massenmedien annimmt wie im Opener „A Satisfactory World For Reasonable People“ („Im in bed with my touch screen / extra bright and extra clean / I don’t like the world we live in“), sondern auch die Sehnsucht nach Zwischenmenschlichkeit und körperlicher Nähe verarbeitet, an der es im Zeitalter von Facebook, Instagram und WhatsApp immer stärker mangelt: „Stoop to hold me / know what soothe means / boundless beauty, always burning“ („What Might Soothe You“). Besonders der Titeltrack mit seinem verzerrten Bass und der monotonen Stimme von Brennan Greaves zieht einen Tief hinein in die Melancholie und die Flucht vor dem Rest der Welt: „I am not a good boy / we’ll run together / we won’t stay“.

Am Ende ist „White Hot Moon“ die konsequente Fortsetzung von dem, was Pity Sex mit „Dark World“ und „Feast Of Love“ begonnen haben: Ein verträumtes Album voller Sehnsucht, welches mit einer ungeheuren Dynamik und gleichzeitiger Harmonie den perfekten Soundtrack für den kommenden Sommer darstellt. Bleibt zu hoffen, dass es die Band vielleicht passend zur warmen Jahreszeit auch mal auf Tour nach Europa schafft. Eine bessere Untermalung für laue Nächte wird es in diesem Jahr nämlich wohl kaum geben.

Autor Patrick Siegmann
Wohnort Göttingen
Beruf Doktorand
Dabei seit September 2009
Deine Aufgabe bei Stageload Koordination Reviews, News
Top-Alben Viel zu viele. "Songs To Scream At The Sun" von Have Heart ist aber definitiv eines von den Alben, die mich am meisten geprägt haben.
Die besten Konzerterlebnisse Auf jeden Fall vorne mit dabei: Have Heart, Shipwreck AD, Rise And Fall und AYS in der Roten Flora in Hamburg, Juli 2009

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