Propagandhi – Victory Lap

Album Victory Lap
Musikrichtung Hardcore, Punk, Metal
Redaktion
Lesermeinung
7

Kaum scheint in der Welt nicht noch mehr schief laufen zu können, meldet sich die Polit-Punk-Institution Propagandhi mit ihrem neuen Album „Victory Lap“ zurück. Und tatsächlich hätten sie kaum einen besseren Zeitpunkt erwischen können. Denn seit 2012 „Failed States“ erschien, hat sich wenig bis gar nichts zum Besseren gewendet. Ein Choleriker wird zum mächtigsten Mann der Welt gewählt, das amerikanische Volk ist zerrissen zwischen Alt-Right-Bewegung, Liberalen und Bernie-Sanders-Anhängern. Und zu allem Überfluss hat in Nordkorea ein verrückter Diktator seine Finger am Abzug. Düsterer hätte Orwell es sich auch nicht ausmalen können. Bleibt nur offen, ob mit „Victory Lap“ (bedeutet so viel wie Ehrenrunde) tatsächlich die tickende Uhr unserer Erde gemeint ist, oder ob es sich um den letzten Streich der Kanadier handelt?

„God, are you there? It’s me in the denim jacket. Are you receiving my prayers through the noise?“

Frontmann Chris Hannah beantwortete diese Frage in einem Interview mit dem Umstand, dass man in ihrem Alter nie wüsste, was passieren kann. Immerhin hatte David „Beave“ Guillas die Band verlassen (zur neuen Platte steuerte er allerdings ein paar Gitarrenspuren bei) und Sullyn Hago musste erst noch gefunden werden. Auf der Suche nach einem neuen Bandmitglied gingen 400 Bewerbungstapes ein. „Sie war die einzige Person die uns schrieb und sich als rasende, vegane hispanische Lesbe bezeichnete“, sagt Hannah. Mit „Victory Lap“ feiert sie jetzt ihr LP-Debüt für Propagandhi. Zu den unerfreulichen Neuigkeiten gehört, dass die Väter von Basser Todd Kowalski und Schlagzeuger Jord Samolesky starben. Und zu allem Übel wurde bei letzterem auch noch eine lebensbedrohliche Krankheit diagnostiziert. Aber es gab auch erfreuliches: Chris wurde zum zweiten Mal Vater. Wie auf dem Cover von „Victory Lap“ wären die letzen fünf Jahre für die Band wie eine Achterbahn gewesen sagte Hannah im Interview mit uns.

Außerdem werden die Kanadier auch nicht jünger: Die Gründungsmitglieder Chris und Jord kratzen mittlerweile an der 50 – und laut dem Sänger hätten sie bereits mit 43 bemerkt, dass das, was sie da tun, eigentlich eine ziemlich athletische Angelegenheit ist. Und sportlich geht es auf der neuen Platte durchaus zu: Propaganhdi-Songs waren noch nie einfach gestrickt, auf „Victory Lap“ vereint das Quartetts Hardcore, Punk und Metal allerdings dermaßen intelligent, dass die Spielfreude sofort überspringt. Sich überschlagende Riffs, ein drückender Bass und treibendes Schlagzeugspiel – mit so vielen unvorhersehbaren Breaks und Wendungen garniert, dass man selbst nach mehrmaligem Hören noch aus dem Takt kommt. Zusätzlich übt sich die Band in Sanftheit: Die Aggressivität des Vorgängers ist passe. Die Band geht weniger mit der Brechstange, dafür mit mehr Raffinesse ans Werk. Weniger Wut, mehr Feingefühl. Das schlägt sich vor allem in der filigranen Gitarrenarbeit nieder, die sich auf Albumlänge mit unwiderstehlichen Melodien im Gehörgang festsetzt.

Dazu kommen die direkteren Texte. Anstatt an jedem Satz und Wort zu feilen, war Chris erste Regel beim Schreiben der Lyrics laut eigener Aussage, dass die ersten Worte, die seinen Mund verließen, auch die ersten wären, die aufs Papier wanderten. Hundertprozentig hätte er sich daran aber nicht halten können. Gepaart mit der Unbeschwertheit der Songs verleiht das „Victory Lap“ eine Struktur, die anders ist, als alles was Propagandhi bisher gemacht haben. War der Vorgänger brutal kaltschnäuzig in seiner düsteren Untergangsstimmung, transportiert die neue Platte eine positive Aufbruchstimmung – aber immer noch gepaart mit der messerscharfen Ironie von Hannah. Bei den Themen hält die Band an ihren Anliegen fest: Menschenrechte, Gesellschafts- und Kapitalismuskritik – Hannah bringt aber auch persönliche Erlebnisse, wie seinen ersten Jagdausflug in seiner Jugend („Lower Order (A Good Laugh)“) mit ein – und auch Todd schrieb nach dem Tod seines Vaters zwei sehr persönliche Songs fürs Album („Nigredo“ und „When All Your Fears Collide“).

„I think my only fear of death is that it might not be the end. That we may be eternal beings and must do all of this again. Oh please lord let no such thing be true.“

„Victory Lap“ beschreibt laut Hannah unser Leben in den bequemen Käfigen der modernen Gesellschaft. Der Grund für Propagandhi dieses Album zu machen war die Hoffnung, die alle Eltern in sich tragen: dass ein besseres Leben wartet, ein leuchtenderes Leben für ihre Kinder. Man kann die Welt nicht retten, man kann die Gewalt nicht stoppen, aber man kann sich auch nicht einfach zurücklehnen und der Welt beim Brennen zuschauen. Damit uns das immer wieder in Erinnerung gerufen wird, braucht es Bands wie Propagandhi. Und ohne sie wäre die Hardcore-Landschaft um einiges trister. Hoffen wir auf noch viele weitere Ehrenrunden – und genießen für den Moment diese eine. Danke Sullyn, Chris, Jord und Todd.

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews
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