Rammstein – s/t

Album s/t
Band Rammstein
Musikrichtung Pop, Metal, Rock
Redaktion
Lesermeinung
6.5

Willkommen in der Dunkelheit: Deutschland anno 2019 steckt in der Krise – gut, dass Rammstein, die Angela Merkel des Industrial-Ost-Schlagers, wieder da sind, nachdem sie sich zehn Jahre im Folterkeller versteckt haben, um in Seelenruhe an ihren neusten ausgefeilten Kompositionen zu werkeln. In puncto Promo kann man dem Berliner Sturmtrupp nichts vorwerfen, da war alles ganz großes Kino, sprichwörtlich und im wahrsten Sinne: Zu der ersten Single samt epischem Kurzfilm „Deutschland“ ist bereits vieles gesagt worden, opulenter und provokanter lässt es sich nach der Funkstille kaum zurückmelden. Dürfen die das? Ist Rammstein egal, sie tun’s. Auch in KZ-Uniform, weil Kontext und so, und Kontext bedeutet Kunst, ätsch!

Alleine mit der hitzigen Diskussion über dieses Dilemma in Feuilleton und Facebook-Kommentarspalten haben Rammstein mehr Öffentlichkeit generiert, als andere Künstler auch nur zu träumen wagen. Und der Text erst, „meine Liebe kann ich dir nicht geben“, jawohl. Es bleiben Fragen: Darf man Rammstein jetzt auch als Linker gut oder zumindest ein bisschen weniger scheiße finden? Wie ist’s um den Rest des neuen Albums bestellt, wenn die Kreativität offenbar nicht einmal mehr für einen schmissigen Plattentitel gelangt hat? Und was zur Pyro-Hölle ist ein „Hallomann“?

Etwas altersmilde sind sie geworden, und auf der Speisekarte stehen nach wie vor weiche Teile und auch harte, Blutwurst und Peitsche. Viel interessanter als zu analysieren, was Weltbewegendes in der Musik passiert – Spoiler: nicht viel – ist es, dem Sechser dabei zuzusehen, ob und wie er sich in thematisch neue Gefilde vorwagt, oder mit welchem Blendwerk er das Altbekannte diesmal zu kaschieren versucht. „Radio“ überrascht tatsächlich mit inhaltlicher Raffinesse, lässt eindeutige DDR-Retrospektive auf ambivalente Deutschlandbetrachtung folgen und arbeitet sich erneut an Kunst, Zensur, Staat und Gesellschaft ab. Zwar gibt es dazu recycelte Melodiebögen und eine neurotische, von Keyboarder Flake mit zweieinhalb Fingern eingespielte Tastenmelodie, das Storytelling aber sitzt.

Dient das musikalische Gewand also lediglich dazu, den Inhalt – kann man hier schon von Message sprechen? – zu transportieren? Klar, der Text ist das eigentliche Werk, genau so muss das, hat Marcus Wiebusch einmal sinngemäß gesagt. Nun sind Rammstein aber nicht Kettcar – natürlich lassen auch Leichenfledderei, nekrophile Pädophilie, pädophile Nekrophilie, Sex, Sex, Tod und Sex nicht lange auf sich warten. Aus der Traum, die Prosa des Kollektivs ließe sich in Zukunft auch als relevantes germanisches Liedgut im Deutsch-Abi interpretieren, die Dichter und Denker bleiben bei ihren Leisten. Und diese sind meistens einfach schön stumpf, platt und simpel – aber unterhaltsam.

„Ausländer“ trägt die Blendgranate im Titel, nix mit Message: Wenig differenziert wird hier der Bratwurst-und-Sauerkraut-Sextourist, der vor einer Dekade in „Pussy“ seine Premiere feierte, mittels kleinem Reisewörterbuch zum Kosmopoliten. Rammstein servieren dazu Italo-Disco aus der finstersten Trash-Rumpelkammer, irgendwo zwischen ESC-Bewerbung und Bingo-Abend im Seniorenheim. „Du kommen mit, ich dir machen gut.“ Das Frankfurter Bahnhofsviertel auf der großen Leinwand, und Völkerverständigung ist kurz vor der Europawahl ja auch wichtig, nicht? „Besser widerlich als wieder nicht“: Die Sechstklässler-Lyrik in „Sex“ ist da weniger amüsant, dafür hat man bei Rammstein noch nie einen besoffeneren Synthie gehört. Wie auch bei der wenig subtilen Kirchen-Missbrauchs-Nummer „Zeig dich“ klingt die Band hier jedoch eher nach Crossover denn nach dem, was mal Neue Deutsche Härte genannt wurde. Will heißen: austauschbarer.

Dann kommt die „Puppe“: Wie Rammstein hier mit Dramaturgie, Symbolik und Spannungsbogen umgehen, ist hörenswert – ja, auf inhaltlicher und musikalischer Ebene. Tatsächlich ist eine Abkehr vom traditionellen Strophe-Refrain-Schema immer ein bisschen spannender. Von „Was ich liebe“ und dem generischen Riffrocker „Tattoo“ kann man beides leider nicht behaupten. Und „Ohne dich 2019“ wurde offenbar kurz vor der Pressung zu „Diamant“ umgetauft. Rammstein-Balladen können sich dem Eindruck eines Fillers nie wirklich erwehren, dienen neue Songs doch in erster Linie dazu, auf der Bühne mit ordentlich Krachbumm umgesetzt zu werden, und riesige brennende Plastikpenisse zu Akustikgitarre und liebestrunkenem Gesäusel wären ja auch im Ironie-Kontext irgendwo komisch.

„Weit weg“ ist eine ausladende Synthie-Hymne, wie man sie jetzt bei Rammstein auch noch nicht ständig gehört hat. Das Rätsel um den „Hallomann“ wird im letzten Song gelöst: Musikalisch im Geiste alter Closer wie „Nebel“ und textlich im selbigen jeder anderen Rammstein’schen Rape-Fantasy-Nummer kauft der Freier der begehrten Minderjährigen „Muscheln mit Pommes Frites“, bevor er sie ertränkt. Joa. Been there, done that: Ein bisschen schade ist es schon, aber der große Knall beim Comeback bleibt nach der erfolgreichen Promokampagne und den starken Vorab-Singles aus. „Rammstein“ ist über weite Strecken die Mikrowellen-Version alter, immer und immer wieder durchgekauter Band-Mechanismen, im direkten Vergleich zu „Liebe ist für alle da“ von vor einem Jahrzehnt deutlich harm- und zahnloser. Hat man das kommen sehen? Und juckt das den gemeinen Rammstein-Jünger überhaupt?

Zwischen Liebe und Hass, zwischen Fremdscham und zumindest nickender Anerkennung des Gesamtkunstwerks Rammstein ist es ein schmaler Grat. Die Fronten sind verhärtet – niemand, der bisher nicht zumindest ein kleines bisschen mit der Band sympathisiert hat, wird seine Meinung wegen dieses Albums ändern. Gut aber, dass sich nun vielleicht ein paar Vollidioten, die sich schon darauf gefreut haben, bei Rock am Ring mit in die Luft gereckten Fäusten „Deutschlaaaaand!“ zu grölen, um danach zurück ins Onkelz-Fancamp an der Nordschleife zu torkeln, nun fragen, ob sie hier noch richtig sind. Nach all den Jahren! Der Gelegenheitshörer indes freut sich, Rammstein nun langsam neben Motörhead, den Ramones oder Bad Religion einordnen zu können – klingt irgendwo doch jedes Album gleich, aber live wird’s halt geil. Fackeln, Dynamit und Penisse stehen bereit. Was Rammstein dann 2029 vom Stapel lassen, in welchem Europa und welchem Deutschland sie welche Themen verhandelt haben möchten und ob davon mehr als nur verbrannte Erde bleibt, wird sich zeigen.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Frankfurt
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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Top-Alben Jawbreaker - Dear You, Elliott Smith - Either/Or, The Smashing Pumpkins - Siamese Dream, Placebo - s/t, The National - Boxer/High Violet, Nirvana - In Utero
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