Rolo Tomassi – Time Will Die And Love Will Bury It

Musikrichtung Math-Core, Jazz-Core
Redaktion
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Long live Rolo Tomassi. Kurz vor Erscheinen von „Time Will Die And Love Will Bury It“ ließ es sich ihr Label Holy Roar Records nicht nehmen, eine Facebook-Huldigung auf die Math-Core-Heroen aus Sheffield zu verschicken. Vor dreizehn Jahren spielten Rolo Tomassi ihren ersten Gig, heute proben sie Songs ihres fünften Studioalbums für ihre Tour, hieß es im Post. So schnell vergeht die Zeit, und am neuen Album der Engländer hört man auch, dass sie einiges verändert.

Das wabernde Intro mündet direkt in die erste und zeitgleich größte Überraschung des mittlerweile fünften Albums von Rolo Tomassi. Eine Überraschung, die hartgesottene Math-Core-Fans die Hände über dem Kopf zusammenschlagen lässt – und der Band viele neue Herzen zufliegen lassen dürfte. Rolo Tomassi haben den Pop für sich entdeckt. Einzig das treibende Schlagzeugspiel lässt Zweifel aufkeimen, dass es sich bei „Aftermath“ um eine astreine Rock-Pop-Ballade handelt. Allein diesen Song zu schreiben hätte die Band eine ganz schöne Weile beschäftigt, erklärt der zweite Sänger und Keyboarder James Spence. Kleine Anspielungen auf diese melodische Seite der Band habe es auf dem Vorgänger „Grievances“ zwar auch schon gegeben, jedoch wollten sie nun wirklich herausfinden, wie weit sie die Grenzen ausloten könnten, um dem Stil von Rolo Tomassi doch noch treu zu bleiben. Und das funktioniert sensationell. Sängerin Eva Spence (und Schwester von James) zeigt hier, was für eine gute, vielschichtige Sängerin eigentlich in ihr steckt, nur um im darauffolgenden „Rituals“ wieder ihr anderes, grausames Gesicht zu zeigen.

Denn Rolo Tomassi sind nicht zur Pop-Rock-Band mutiert. Das hier ist noch immer keine leichte Kost. In ihrem Sound verschmelzt die Band noch immer Math-Core mit Elementen aus Jazz, Prog- und Black Metal, dass einem der Putz um die Ohren fliegt. Gleichzeitig wagen sie auf „Time Will Die And Love Will Bury It“ viel Neues – und werden damit noch besser, noch präziser, noch fesselnder. Das Schwarz-Weiß-Konzept wird aufgeweicht, die Grenzen der Extreme noch weiter auseinandergetrieben. Rolo Tomassi sind poppig wie nie und brechen einem aus dem Nichts mit ihren Hasstiraden doch das Genick – und das mit einer Stimmigkeit, die sprachlos macht. Besonders fällt das in den Songs jenseits der Sieben-Minuten-Marke auf: In „A Flood Of Light“ oder „The Hollow Hour“ läuft die Band zu Höchstform auf und schickt den Hörer in ein Gefühlschaos, das wie ein warmer Sommerregen durchsetzt mit einzelnen, spitzen Hagelkörnern wirkt. Gänsehaut-Stimmung par excellence.

Rolo Tomassi schließen mit „Time Will Die And Love Will Bury It“ die klaffende Wunde, die der ungestüme Hassbrocken „Grievances“ gerissen hat. Mit dem Schritt in Richtung mehr Eingängigkeit, ohne dabei an wütenden Elementen zu sparen, macht das Gespann alles, aber wirklich alles richtig – und liefert ganz nebenbei das beste Album seiner Karriere ab. Hut ab für so viel Mut, Hut ab für so viel ambivalente Emotionen. „Time Will Die And Love Will Bury It“ wächst über alle anderen Veröffentlichungen der Band hinaus – und wird mit Sicherheit noch größer. Wo soll das noch hinführen?

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
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