Shame – Songs Of Praise

Album Songs Of Praise
Band Shame
Label Dead Oceans
Musikrichtung (Post-)Punk, Punk
Redaktion
Lesermeinung
6

Kein Zweifel: Das breitgetretene Rockstar-Klischee hat es ihnen angetan. Ein lüsterner Haudegen in Lederjacke, mit kreischenden Groupies im Schlepptau, immer ein paar Drogen griffbereit – dieses Bild gehöre verbrannt, ereiferte sich Charlie Steen jüngst im Guardian. Nein, größenwahnsinnige Testosteron gesteuerte Egomanen, das wollen Shame nicht sein. Nun sind allabendliche Orgien im Nightliner auch mit Sicherheit nicht das Erste, was einem bei den fünf schmächtig-blassen Herren mit ihren Anfang zwanzig in den Sinn kommt.

Und natürlich: Gerade der genüsslich zelebrierte Anti-Alles-Gestus – allgegenwärtig im Schaffen des Quintetts – ist weder neu noch sonderlich originell.

Doch Shame kokettieren nicht bloß mit ihrer offensiv zur Schau getragenen Wut. Schon ein flüchtiger Blick auf die Insel reicht, um das zu verstehen. Brexit-Verdruss, ein dahin siechendes Gesundheitssystem und die Mieten im Moloch London, bei denen jeder gebeutelte Berliner ganz schnell verstummt: Man muss kein Faible für den selbsternannten Volkstribun Jeremy Corbyn und seine stramm linken Utopien haben, um zumindest nachvollziehen zu können, warum viele junge Briten in ihm einen Hoffnungsträger sehen. Was Shame von der leidlich erfolgreichen Theresa May halten, veranschaulicht ihr krudes „Liebeslied“ an die Premierministerin jedenfalls mehr als deutlich.

„With each day the vacuous Mrs May steers our country closer and closer into the darkness and confusion that is Brexit, no doubt securing the best deal for herself and her cronies in the Conservative Party. We would like to take this opportunity to humiliate and debase her frankly evil political record even further with this, the world’s worst love song.“

Die fünf stammen aus dem Süden Londons. Brixton, der Name lässt aufhorchen. Musik machen sie schon einige Jahre zusammen, die alteingessenen Pubs ihrer Heimat meiden sie nicht gerade – und provozieren macht ihnen einen Heidenspaß. Zum Release gibt es mal ein Bandfoto als brave Messdiener, fürs Albumcover werden kurzzeitig ein paar Ferkel adoptiert und in Amerika dürfte ein guter Anteil von „Songs of Praise“ wohl bloß aus Piepsen bestehen.

Ihre Story, ihre Jugend und dazu ihr rotzfrech daherkommender Post-Punk verzückt die bekanntlich geschmackssichere britische Musik-Presse – und prominente Fans haben sie auch schon: Die altgediente Working Class-Ikone Billy Bragg holte sie 2017 kurzerhand beim legendären Glastonbury zu sich auf die Bühne. Für den Guardian sind sie längst „Großbritannien aufregendste Newcomer-Band“.

Schuld daran ist „Songs Of Praise“ – und das Debüt der Jungspunde kommt auf der Insel wohl auch deshalb so gut an, weil es vor allem eins ist: urbritisch. Steens derbe Schnauze gepaart mit dem düster-brodelnden Post-Punk, der gerne auch mal in reinrassigen Punk abdriftet, wecken Erinnerungen an die goldene Zeit wütender Helden. Die kommen nicht nur der britischen Jugend gerade recht.

„My nails ain’t manicured, my voice ain’t the best you’ve heard and you can choose to hate my words – but do I give a fuck?“

Natürlich nicht. Die Antwort auf diese Frage haben Shame längst zur übergeordneten Botschaft ihrer Band auserkoren. Und glücklicherweise schaffen sie es ein ganzes Album lang nicht einmal im Ansatz so platt daherzukommen, wie diese Maxime im Kern ja doch ist. Obendrein versprüht „One Rizla“ noch genug Pop-Appeal, um auch den gemeinen Indie-Rocker auf Trab zu bringen. Das muss man erst mal schaffen. Und während Shame hier noch sachte an die viel zu früh gegangenen Sharks erinnern, enteilen sie ihnen mit „Dust On Trial“ in Sphären, die jenen immer verschlossen blieben: Ebenso gnadenlos wie meisterhaft errichten diese so arglos wirkenden jungen Männer eine wahnwitzig-flirrende Soundwand, die so manch altgedienten Post-Punk-Profi vor Neid erstarren lässt.

Weniger erdrückend, aber dafür mit umso mehr Verachtung breiten sie auf „Gold Hole“, die abstoßende Geschichte eines Familienvaters aus, der eine junge Frau verführt – und weshalb diese sich darauf einlässt: „Sweat stains the wrinkles, tongue touches the hole, his wife’s at work and his kids are at school, she feels so dirty, she knows that it’s wrong, but she feels so good in Louis Vuitton“. Ekel und Verachtung triefen aus jeder hingerotzten Silbe.

So könnte es munter weitergehen, aber Shame haben viel zu viel Spaß am Chaos, um sich „nur“ im Post-Punk auszutoben. „Tasteless“ kommt ähnlich beeindruckend daher, doch geht es hier schon zackiger zu und Steen darf munter seiner Lieblingsbeschäftigung fröhnen: sich heißer schreien. Früher oder später mündet darin so gut wie jeder der „Songs Of Praise“. Auf „Concrete“ servieren Shame so zunächst einen zackig-melodischen Punkritt in Form eines fiktiven Dialogs, bis der werte Leadsänger im wahrsten Sinne des Wortes genug hat und bloß noch „No more, no more, no more questions!“ keift. Nochmal besser gerät das auf dem hyperaktiv-schrägen „Lampoon“, das einen mit unwiderstehlichem Charme durch seine gut 2:30 Minuten jagt – so schön kann Krawall klingen.

„None sharp enough to cut the cheeks, I may be cursed by company, but at least I get to speak and my tongue will never get tired!“

Pausen gönnen einem Shame derweil nur eine: „The Lick“. Das schleppende Spoken-Word-Stück klingt allerdings arg krude. Natürlich hat diese Selbstbeschneidung einen tieferen Sinn. Sie fungiert als vergifteter Gruß an die Musikindustrie und biedere Fließband-Pop-Perlen für die gut kalkulierbare Rendite:  „That’s what we need: something we can touch, something we can feel, something that’s relatable not debatable!“ Richtig in Rage klingen Shame trotzdem überzeugender. Erst der Rausschmeißer („Angie“) beweist: Es geht auch mal ohne Gift und Galle. Einreißen lassen werden das die Herren aber wohl kaum.

„Songs Of Praise“ glänzt schließlich vor allem mit seiner rohen, jugendlichen Wut. Die muss nicht mit feinster Feder betextet sein und darf, ja soll hier & da mal schief klingen. Das macht Shame aus und diese junge Band so aufregend. Zugute kommt ihnen die Altersschwäche der Sonnenkinder von Beginn des Jahrtausends: Der einst große Name Bloc Party steht heute nur noch für Kele Okerekes großes Ego und musikalische Banalitäten. Das noch größere Egos Liam Gallaghers wird zwar bisweilen von den Kritikern gestreichelt. Doch die Hochzeit der Gallaghers ist vorbei – auch wenn das die liebenswerten Brüder naturgemäß anders sehen werden: Die Zeit ist reif für talentierte Thronfolger. Charlie Steen und seine Kumpel haben ihren Hut schon mal in den Ring geworfen. Weitere werden folgen. Zumindest aus musikalischer Sicht blickt man noch regelmäßig neidisch ins Vereinigte Königreich.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Journalist
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Koordination Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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