Sharon Van Etten – Remind Me Tomorrow

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Redaktion
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Eigentlich war das ja alles ganz anders geplant. Als Sharon Van Etten 2015 nach einer aufregenden wie aufreibenden Phase als zwischenzeitige Couch-Surferin ohne Wohnsitz und einer 18 Monate langen Tournee eine Pause als Musikerin ankündigte, wollte sie zurück an die Uni und Psychologie studieren. Das tat die heute 37 Jahre alte Indie-Virtuosin auch tatsächlich. Bloß kam in der zweiten Semesterwoche ein Anruf aus Kalifornien: Ob sie sich vorstellen könne, in der Netflix-Serie „The OA“ mitzuspielen? Wenig verwunderlich sagte die spätberufene Studentin zu und ließ sich auf das Abenteuer Schauspielerei ein. 

„Was für eine Heuchlerin bin ich doch“, habe sie sich damals gesagt, so Van Etten gegenüber der New York Times. Groß verkünden einen Gang zurückzuschalten und stattdessen drei hochschalten. Mit Ruhe ist es nicht weit her im Hause Van Etten – mittlerweile ist dort nämlich auch mehr los. Anfang 2017 kam ihr erster Sohn zur Welt und die scheinbar ewig suchende Songwriterin mit ausgewiesenem Talent für düstere Beziehungsdramen lebt mit ihrem ehemaligen Drummer Zeke Hutchins zusammen, der obendrein ihr Manager ist.  

Auf einmal also ein kleines Familienunternehmen – und schon war Van Etten am Rotieren wie eh und je.  Neben Studieren, Mutter sein und ihrer neuen Netflix-Passion komponierte sie noch den Soundtrack zu „Strange Weather“. Einen Gast-Auftritt in Twin Peaks gab es als Sahnehäubchen obendrauf.

Mit all den neuen Erfahrungen in Petto ging sie das Projekt Album Nummer fünf an – ein gefühltes Comeback. Denn es markiert das Ende ihres bisherigen Lebens und ihrer alten Rolle als Künstlerin. Da mutet es nur konsequent an, dass das stets gut gelittene Folk-Rock-Gewand weichen muss. Zu eng ist es geworden, zu eintönig. Vor allem aber: Es gehört einer anderen Person. 

„Remind Me Tomorrow“ würde ohne Van Ettens Beziehung zu Hutchins und ihrem gemeinsamen Sohn anders klingen, kein Zweifel. Doch hat sich die Dame auch noch in Roland Jupiter-4 verguckt, einen Synthesizer-Oldie aus den 80ern. Das Kind dieser höchst fruchtbaren Beziehung ist ein exzellentes Indie-Elektro-Werk auf dem sich ambitionierter Pop-Appeal und eine geheimnisvoll-erhabene Atmosphäre die Hand geben  – ausgefuchst und eigenwillig eben. Zumindest das hat sich nicht geändert. Ein Stück wie „Jupiter 4“ aber ist neu für Van Etten. Der Namenspate dürfte kein Zufall sein, angesprochen fühlen kann sich aber – bei aller aufgeflammten Synthie-Begeisterung –  Zeke Hutchins. Denn der Song ist ein lupenreines Liebeslied mit einem hypnotisierend-wummernden Beat über dem Van Ettens glasklare Stimme schwelgend aus dem Äther tönt: 

“Baby, baby, baby I’ve been searching for you I want to be in love, baby, baby, baby I’ve been waiting, waiting, waiting my whole life for someone like you, it’s true that everyone would like to have met, a love so real”

Wer ihn in ein so herrlich schwelgendes Feld bettet, kann sich jeden Kitsch der Welt erlauben. Ja, die Zukunft scheint rosig. Doch auch der Blick zurück sitzt perfekt. In „Seventeen“ wandelt sie im Rücken ihres siebzehn Jahre alten Ichs durch das New York ihrer Jugend, begleitet von einem melancholisch-melodischen Drive, der dem Vergleich mit Bruce Springsteen bravourös standhält. „I see you so uncomfortably alone, I wish I could show you how much you’ve grown“. Die Botschaft an ihr junges Ich ist der Kern von „Remind Me Tomorrow“.

Denn die 17 Jahre Van Etten lebte damals in einer unglücklichen Beziehung mit einem Musiker, der sie bisweilen schlug und partout nicht wollte, dass sie über die Abgründe ihres Zusammenlebens sang. Einmal zertrümmerte er gar ihre E-Gitarre – sie machte natürlich trotzdem weiter, brauchte aber noch Jahre, um sich aus der zermürbenden Beziehung zu befreien. Heute dagegen ist sie selig – und schreibt Songs wie „Comeback Kid“. Ein aufmüpfig dahin rumpelndes Elektro-Werk mit herrlich aufgeputschten Drums im Stile einer bodenständigen St. Vincent. Zwei Grande Dames der Indie-Welt, die weit mehr verbindet als ihr guter Draht zu The National-Gitarrist Aaron Dessner. 

Einmal vom alten Sound verabschiedet, spielt Van Etten dann gleich alle Karten aus. So verwandelt sich die schlichte Piano-Ballade „Malibu“ zu einer wahren Synthie-Messe, während der Groove von „No Ones Easy To Love“ garantiert süchtig macht. Das flirrende „Hands“ holt derweil mit massig Hall versehen alles aus Van Etters neu entdeckter Trickkiste raus. So klingt exzellenter Elektro-Pop – ungestüm, kantig und unberechenbar.

Und als wäre es ein Kinderspiel, zaubert sie auch noch ein echoschwangeres Ambient-Meisterwerk („Memorial Day“) aus dem Hut, was derart düster dahinschwebt, dass Warpaint durchaus neidisch werden dürften. Den Kontrapunkt bildet das himmlisch leichte von Orgel und Bass getragene „Stay“, gerichtet an das jüngste Mitglied der Familie Van Etten. Wahrlich, hier ist jemand mit sich im Reinen.

„Don’t wanna hurt you, don’t wanna run away from myself, want your whole star to shine on in, one star, one light, the meaning of life, you won’t let me go astray, you will let me find my way“

Nach dem Comeback steht als nächstes Großprojekt übrigens ein Umzug an. New York sei zu teuer geworden, sagt Van Etten, der Umzug nach Los Angeles schon ausgemachte Sache. Angenehmer für das Kind und auch eine gute Basis, um die Schauspielerei voranzutreiben. Ein Ziel aber schwebt über allem: Bis sie 50 ist, will sie Psychotherapeutin sein und sesshaft werden. Zweifel sind angebracht – zum Glück.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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