Stick To Your Guns – Disobedient

Album Disobedient
Musikrichtung Modern Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
5

„Hardcore is more than music.“ Oft gehört, oft gelesen und oft verkündet. Und trotzdem: kein anderer Slogan passt besser zum Selbstverständnis der Musik und der dahinter stehenden Szene wie dieser.
So gibt es auch immer wieder Bands, die dieses Lebensgefühl mehr repräsentieren als andere. Bisher waren Stick To Your Guns genau eine dieser Bands, die es trotz großer Popularität und kommerzieller Erfolge geschafft haben, stets gesellschaftskritisch und ehrlich zu blieben. Ihre Shows gleichen mitunter politischen Kundgebungen, die Texte ihrer Songs haben den Charakter von Manifesten und ihr musikalischer Stil ist der perfekte Soundtrack der titelgebenden Unbeugsamkeit. Mit „Disobedient“ veröffentlichen die Jungs rund um Sänger Jesse Barnett und Gitarrist Josh James nun (Ex-Casey Jones/Ex-Evergreen Terrace) ihr mittlerweile fünftes Album in zwölf Jahren Bandgeschichte.
Musikalisch schließt „Disobedient“ direkt an den Vorgänger „Diamond“ an und so befinden sich auf der neuen LP, von der emotionalen Powerballade „Left You Behind“ einmal abgesehen, keine großen Überraschungen oder Neuerungen. So gibt es das dritte Album in Folge gesprochene Zitate des indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti, die Frequenz der cleanen Gesangparts wurde noch einmal erhöht und das bewährte Konzept aus hitverdächtigen Refrains (mehr denn je) und konsequenter Härte beibehalten. Technisch gibt es nichts zu meckern: Der Sound ist druckvoll, die Produktion ist sauber und klingt bei den zahlreichen, fast schon obligatorischen Breakdowns richtig heftig!
Das hier ist mittlerweile deutlich mehr Melodic Hardcore als Metalcore. Doch diese positive Entwicklung wird durch die überflüssigen und nervigen „Woahs“ stark getrübt, die es aber leider in den Großteil der Songs geschafft haben. Einige Refrains klingen dadurch eher nach Strand und Party, als nach Revolution und Kampfeswillen. Letzterer kommt in den Songs ohne „Woah“ und ohne cleane Passagen am besten zu Tage, welche die eigentlichen Highlights des Albums sind. Allen voran „RMA (Revolutionary Mental Attitude)“ mit H2O-Mastermind Toby Morse, „I choose nothing“ mit Scott Vogel von Terror und dem Bonus-Track „Every Second“ (warum bitte nur Bonus?).
Lyrisch gleiten Stick To Your Guns auf „Disobedient“ dagegen immer wieder in altbekannte Klischees ab und so nimmt man es Frontmann Jesse mit seinen 26 Jahren einfach nicht mehr ab, wenn er wie beim Ohrwurm „Nobody“ immer noch die eigene angebliche Außenseiterstellung feiert. Oder wenn er bei „Nothing you can do to me“ besingt, wie er sich gegen Widerstände jeglicher Art durchgesetzt hat und dass das jeder hinbekommt, der nur den Willen dazu hat. Das klingt verdammt nach der Hardcore-Version des American Dream und ist keine Unbeugsamkeit, sondern Teenie-Kitsch at it’s best! (der sich nebenbei vorzüglich auf T-Shirts drucken lässt und sich ganz hervorragend verkaufen wird) Dabei ist die Grundaussage von „Disobedient“ äußerst gelungen und herrlich idealistisch: Jeder Einzelne soll aus seiner Apathie aufwachen, die existierenden Missstände (samt ihrer Urheber) erkennen, diese bekämpfen und die Gesellschaft zum Guten ändern.
Es ist eigentlich überflüssig, genau das zu sagen, doch leider sind die guten alten Zeiten endgültig vorbei, denn Stick To Your Guns versuchen auf „Disobedient“ etwas zu sein, was sie schlichtweg nicht sind: die Urheber einer revolutionären Bewegung. Diese rebellische Attitüde wirkt mittlerweile nur noch aufgesetzt und nicht mehr so ehrlich wie noch auf „Comes From The Heart“ oder dem grandiosen „The Hope Division“. Die Authentizität, die Stick To Your Guns immer ausgezeichnet und von anderen unterschieden hat, scheint langsam verloren zu gehen und läuft Gefahr, nicht mehr als ein Image zu sein.

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