The Gaslight Anthem – Get Hurt

Album Get Hurt
Musikrichtung Rock, Alternative
Redaktion
Lesermeinung
5

So nah. Es war so nah. Das Album, was vielleicht alle glücklich gemacht, was vielleicht gar am Thron von „The 59 Sound“ gerüttelt hätte. Auf einer Tafel im Studio, so heißt es, stand sie bereits, die bewährte Zauberformel: Ein schillernder Oldtimer im Sonnenuntergang auf dem scheinbar endlosen Highway; aus dem knarzenden Radio tönt der eine Song, der gar die Seele zu erretten vermag, zumindest aber ihren Wunden Heilung verspricht und am Ende das Lächeln zurückbringt – der American Dream vier heilloser Romantiker aus New Jersey. Brian Fallon hat sie angeschaut, die Tafel, und dann vergessen. Es war die Streichliste.

Ein wehmütiger letzter Blick dürfte es gewesen sein, weil einer in eine bessere Zeit. Dabei standen die Zeiten bereits vor gut einem Jahr auf Sturm und The Gaslight Anthem kurz vor der Auflösung. Nur schienen es bloß die ewigen Springsteen-Vergleiche zu sein, welche die ruhmsüchtige Diva Fallon zunehmend grantiger werden ließen. Heute steht da eine zerbrochene Ehe, die weder aus heiterem Himmel kam, noch „conscious“ ablief. Und die den Romantiker in Brian Fallon vernichtet hat. Zurückgeblieben ist nur Bitterkeit.
„Get Hurt“ ist daher vor allem eins: Fallons Therapie.

Mit dieser ist nun nicht nur der scheinbar unerschütterliche Romeo Vergangenheit, der alte Gaslight Anthem-Sound ist es auch. „Stay Vicious“ kommt so schon zu Beginn einem Schlag ins Kontor gleich. Bistige Hardrock-Gitarren wechseln sich mit mit engelsgleichen „Lalala“-Chören ab. Die Botschaft dahinter ist ebenso simpel wie radikal: Hier ist viel zu viel kaputtgegangen, um Weiterzumachen wie bisher! “Well I feel just like a stranger, I don’t sleep at all anymore and the arms that used to hold me, well now they done me harm”. Die Gegensätze in “Stay Vicious” stehen sinnbildlich für Fallons Kampf – dem Schlingern zwischen Depression und Katharsis. Geschlagen wird dieser Kampf auf allen Feldern. „Underneath The Ground“ schert sich etwa keinen Deut darum ein bedächtiger Pop-Song zu sein. Mit Hall, mit Auto-Tune; gänzlich ohne Vorlage für eine versoffene Meute in Unterhemden, der diese Band gegen jede Vernunft gerne auf den Leib geschrieben wird, wohl aber mit einem Gefühl für große Momente!

Dieses Gefühl hält „Get Hurt“ letztlich musikalisch zusammen, denn es bricht bisweilen radikal mit seinen Vorgängern. So geben sich „1000 Years“ oder „Dark Places“ nicht die geringste Mühe ihren 80er-Glamour-Rock in vertraute Bahnen zu lenken und spätestens beim Refrain ist man heilfroh darüber – sofern man mit The Killers-artigen Pathoshymnen klarkommt. „how many days did I spend trying to see it your way, if you try, you’d remember, I changed and changed and kept on saying: one of these days, something inside’s gonna break and we won’t get it back now, baby. if I thought it would help, I would carve your name into my heart!”

Nur selten sind The Gaslight Anthem dann mal direkt und kantig wie auf “Rollin’ and Tumblin”. Hier explodieren sie, ebenso wie Fallons Verzweiflung: “so should I take everything, all your temporary medicines? should I take your reds, your blues, and your cocaine? should I take something to try on the weekend? I heard they been callin me the Great Depression” Nur dieses eine Mal kommen The Gaslight Anthem aus ihrer Haut. Dabei hätte ein Mehr an dieser Power “Get Hurt” zu einem Meisterwerk gemacht. Das Meisterwerk, das es so nur textlich ist. Nirgends wird dies deutlicher als am Titeltrack: „Get Hurt“ ist symptomatisch für die neuen The Gaslight Anthem. Der Song ist bedächtiger Pop in Reinform und macht überhaupt keine Anstalten das zu verbergen. Ein Grower, der für Gaslight-Verhältnisse extrem fordert, weil er seinen Stärken keinen Glanz gönnt! Dabei schürft er tiefer als es die bald zehn Jahre Bandgeschichte es je gesehen haben: „and I came here to get hurt, so you might as well do your worst to me. have you come here to get her? have you come to take her away from me?“

Wer im Vorfeld behauptet, ihm sei bewusst, dass höchstens einer aus fünf Artikeln das neue Album nicht verreißen werde, der weiß ganz genau was er getan hat: „Get Hurt“ ist ein Vabanquespiel. Es wird Sympathien kosten. Vielleicht werden sie es sogar irgendwann bereuen. Aber hier & heute ist es das, was Brian Fallon brauchte, was The Gaslight Anthem brauchten. Und es hat sich gelohnt: Nein, „Get Hurt“ ist nicht das beste Album dieser Band. Bei weitem nicht. Doch ist es ihr bis dato Beeindruckendstes. Und es scheint sie wiederbelebt zu haben – das ist nun wirklich allen Pop der Welt wert!
„and all I seem to find is how everything has chains, and all this life just feels like an idiot dream, selected poems and lovers I never seen again, and all in all I find that nothing stays the same!“

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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