The National – I Am Easy To Find

Musikrichtung Indie, Alternative
Redaktion
Lesermeinung
5.5

Berninger allein zu Haus. Ungefähr so lässt sich die Situation am Mikrofon von The National seit je her beschreiben. Dass der weinaffine Endvierziger immer wieder Hilfe hatte, ignorieren wir mal geflissentlich. Background-Vocals sind ja meist genau so auffällig, wie es ihre Bezeichnung nahelegt. Vor diesem Hintergrund kommt „I Am Easy To Find“ scheinbar einer Revolution gleich. Die hochdekorierte Sharon Van Etten, Bowies ehemalige Bandkollegin Gail Ann Dorsey, Kate Stables (hauptamtlich bei This Is the Kit) und nicht zuletzt Bryce Dessners Ehefrau. Die Liste der Damen, denen Berninger teilweise komplett das Feld – seinen eigenen Song – überlasst, ist noch länger. Ein Sakrileg für eingefleischte Bariton-Jünger und durchaus mit dem Risiko verbunden, dass diese auf die Barrikaden gehen. Gut, dass sich das Quintett um derlei Petitessen sowieso nicht schert. Eine Revolution ist das neue Setting ohnehin mitnichten. Im Gegenteil: Es ist eigentlich nur konsequent.

Schon seit „Boxer“ entstehen The National-Songs mal mehr mal weniger aus der kreativen Zusammenarbeit von Berninger und seiner Ehefrau Carin Besser. Normalerweise schreibe Berninger den Großteil und sie kümmere sich dann um bestimmte Parts – vor allem wenn sie fürchte, ein Song könnte es sonst nicht aufs Album schaffen, so Besser. Dieses Mal aber sei es anders gelaufen: „Ich habe zunehmend unabhängig von ihm gearbeitet.“ Auch weil sie gemerkt habe, dass sie mehr tun müsse – immerhin waren die Texte teilweise für Menschen, die ihre Gedankengänge im Gegensatz zu ihrem Ehemann nicht kannten.

Das wiederum war ganz in Berningers Sinne. Er habe sie immer motiviert, sich stärker zu beteiligen, bekennt Besser. Und offenbar ist es auch um die Eitelkeit des Frontmanns recht erträglich bestellt. Es sei durchaus eine Entlastung gewesen, mal hintenanzustehen, sagt Berninger: „Lead-Sänger zu sein und damit immer im Mittelpunkt zu stehen hat mich schon etwas eingeengt“.  Alles in allem also eine runde Sache, zumal es ja Berningers Steckenpferd ist, die alltäglichen Höhen & Tiefen menschlicher Beziehungen zu sezieren – und da gehören nun einmal mindestens zwei dazu.

Unter diese Prämisse kann man auch die Rolle von Mike Mills verstehen, seines Zeichens profilierter Arthouse-Filmer und Oscar-Academy-Mitglied. Als der Regisseur einmal in einer Schaffenskrise steckte, wandte er sich an Berninger. Der wiederum – ganz Mills Fan – war derart begeistert, dass er mit einen Wust an unfertigem Songmaterial antwortete. So nahmen die Dinge seinen Lauf, die in zwei Werken namens „I Am Easy To Find“ mündeten. Denn Mills arbeitete nicht nur quasi als sechstes Mitglied mit der Band an deren neuem Album, sondern drehte in dessen Geiste auch gleich noch einen Kurzfilm (unten zu begutachten).

Die Konstellation passt zum künstlerischen Anspruch und Ehrgeiz der Band: Grenzen gilt es immer neu zu verschieben, denn Stillstand ist Gift und einfacher, ehrlicher Indie-Rock schon lange keine Option mehr. Nebenprojekte gehören bei allen zum guten Ton. Bryce Dessner hat sogar ein Kompositionsdiplom von der Uni Yale und geht gerne seinem ausgewiesenen Faible für klassische Ensembles nach, wenn er nicht gerade als Festival-Kurator mit seinem nicht weniger versierten Bruder Aaron wirkt. Dass in Mills Film mit Alicia Vikander eine Oscar-Gewinnerin die Hauptrolle spielt, ist nur eins der vielen Zeichen für den Stellenwert, den The National in der Kunstwelt genießen. „I Am Easy To Find“ dürfte ihn weiter aufwerten.

Das Album gleicht einer tiefgründigen und intensiven Konversation über Wohl und Wehe des Zusammenlebens zweier Erwachsener. Verlangen, verlieren, lieben, versagen, verzeihen und wieder von vorne. Alles ist im Fluss, so auch die Musik. Piano-Klänge paaren sich mit Devendorffs maschinengewehrartigem Schlagzeug, Synthie-Fetzen & Beats kommen und gehen, ebenso wie Chöre und eine Phalanx an Streichern. Und die vielen verschieden Frauen-Stimmen geben dem sachte weiterentwickelten Sound eine höchst willkommene neue Facette an die Hand.

Das geschätzte dessnersche Gitarrenspiel regt sich dagegen seltener als früher, wenn dann aber in bravouröser Manier. „You Had Your Soul With You“ könnte man daher glatt als Täuschungsmanöver bezeichnen. Denn der Opener ist ein wahres Festival von zackigen Gitarren, während das Potential in der neuen Konstellation am Mikrofon bloß angedeutet wird. Dafür müssen die Streicher gleich Schwerstarbeit leisten, um das irrwitzige Tempo mitzugehen. Das klavierlastige „Quiet Light“ drosselt das Tempo erst einmal wieder, verrät aber auch noch nicht den neuen Trumpf. Dafür brilliert Berninger einmal mehr in seiner Paraderolle des einsamen, todtraurigen Grüblers.

„But I’m learning to lie here in the quiet light, while I watch the sky go from black to grey, learning how not to die inside a little every time, I think about you and wonder if you are awake and I’m learning to live without the heartache it gives me, nothing I wouldn’t do for another few minutes”

 Und so hätte es weitergehen können. Die Beschwerden wären leise ausgefallen, nicht der Rede wert ob der obligatorischen – und wohlverdienten – Lobeshymnen. Doch die Herren entschieden sich gegen den sicheren und für den kühnen Weg. Das Ergebnis ist etwa ein hinreißendes Werk wie „Oblivions“. Bryce Dessners Ehefrau Pauline de Lassus Saint-Geniès (besser bekannt als Mina Tindle) und Berninger ergründen das Ewigkeitsversprechen der Ehe, subtil begleitet von Bass, Piano und wohldosierten Streicher-Einsätzen. Ein anderes Arrangement hätte die Kitsch-Grenze wohl auch gerissen.

„It’s the way you say yes when I ask you to marry me, you don’t know what you are doing, do you think, you can carry me over this threshold, over and over again into oblivion?”

Urromantisch geht es auch auf “Hey Rosey” zu, nur übernimmt hier Gail Ann Dorsey und ein mächtiger Synthie-Bass, der einen förmlich umarmt und zum innigen Dahinschwelgen abkommandiert. Nichts lieber als das (“If I held your hand again, would you be here down on your knees like this?”)” The National 2019 setzen vermehrt auf die sanfte Klinge. Brecher wie „Terrible Love“ oder „Abel“ haben sie offenbar zur Genüge geschrieben. Das unterstreicht nicht zuletzt der elegant-minimalistische Titeltrack. Rockige Ausbrüche warten aber auch auf „I Am Easy To Find“ und fürs Aus der Haut fahren ist weiterhin der Chef persönlich zuständig:

“Maybe we’ll talk it out inside a car with rain falling around us, we all know this rain is hard to take, I know I can get attached and then unattached to my own versions of others, my view of you comes back and drops away” (The Pull Of You)

Bei “Where Is Your Head?” wird dann auf herrlichste Weise alles auf den Kopf gestellt. Berninger ist zunächst komplett außen vor, stattdessen singt Aaron Dessner – unter anderem mit Singer-Songwriter Eve Owens, während die Musik um sie herum immer schneller und schneller wird. Die ungewöhnliche Mischung besticht mit einem wunderbar-positiven Vibe, dank Owens engelsgleicher Stimme und dem ureigenen The National-Talent für kreatives Chaos in irrwitzigem Tempo. Dem gegenüber steht Berningers einsames Solo “I Am Not In Kansas”, voller Referenzen, den typischen Selbstbezichtigungen („But I’m leaving home and I’m scared that I won’t have the balls to punch a Nazi, father, what is wrong with me?”) und choralem Finale. Und da wäre ja noch „Rylan“: Ein Glanzstück vom Schlage eines Werks wie Apartment Story, das um ein Haar hinten über gefallen wäre – mal wieder. Entstanden ist der Song bei den Aufnahmen zum 2010 erschienenen High Violet und live längst ein Dauerbrenner. Doch erst Mills sorgte dafür, dass er endlich richtig aufgenommen wurde.

Auch „So Far So Fast“ ist auf Drängen von Mills entstanden und ein weiterer Beweis für die offensichtlich fruchtbare Zusammenarbeit. Das Stück erinnert nicht nur in seiner Länge (mehr als sechs Minuten) an „About Today“. Vor allem aber ist es eine Ode an die Heimat, denn die ist für immer, auch in unserer schnelllebigen Welt und ganz gleich wie lange man fort war.

„Don’t you know someday somebody will come and find you? If you don’t know who you are anymore, they will remind you, we don’t see you around here anymore, it’s okay, I will say your name out loud and you will be home”

 „I Am Easy To Find“ kann man mit vielen Attributen versehen. Es ist das längste Album von The National und hat auch seine Längen. Das sakrale Intermezzo „Underwater“ beispielsweise hätte keiner vermisst. Erst recht, wo im Anschluss eine derart brillante Ballade wie „Light Years“ folgt. So kommt man immer wieder zu einer Erkenntnis zurück: „I Am Easy To Find“ ist ein weiteres Statement einer Ausnahmeband – und Mut zum Risiko lohnt sich.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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