The National – Sleep Well Beast

Label 4AD
Musikrichtung Indie
Redaktion
Lesermeinung
7

Diese Band spielt im Mekka der modernen Kunst sechs Stunden lang den gleichen Song. Die Mutter aller Festivals, das legendäre Glastonbury, liegt ihnen zu Füßen. Sie komponieren für „Game Of Thrones“ und sind gleichermaßen gern gesehene Kompagnons von hochdekortierten Artverwandten rund um den Globus. In diesen Sphären schwebt niemand, der nicht haarklein weiß, was er tut und es mit der Perfektion zum Äußersten treibt.

Oberflächlich lassen sich The National so gebührend beschreiben. Doch ausgerechnet diese Band hat einen Frontmann, der weder Noten lesen, geschweige denn einem Instrument halbwegs bewusst einen Ton entlocken kann. Auch gesangliches Talent im klassischen Sinne würde Matt Berninger wohl keiner attestieren – am wenigsten er selbst. An seiner Seite jedoch stehen zwei der wahrscheinlich brillantesten Gitarristen unserer Zeit. Die Gebrüder Aaron und Bryce Dessner. Der eine lernte sein Werk in Yale, der andere an der Columbia Universität. Beide spielen mittlerweile mehr Instrumente, als so manche Bands Songs vorweisen können.

Es ist dieser kreative Grundkonflikt, der The National zu dem macht, was sie sind. Eine der interessantesten und meist geschätzten Bands der Musikwelt. Die Dessners streben immer nach noch kunstfertigeren Arrangements. Ausgefuchste Effekte müssen her, kein Hauch eines Tons darf im Argen liegen und kein doppelter Boden zu leicht zu durchschauen sein. Teilweise tüfteln sie mit dem zweiten Brüderpaar der Band – Bryan und Scott Devendorf – tagelang an neuen Melodien. Ganz anders Berninger. Der zieht sich ins Kämmerchen zurück, nicht selten begleitet von einer Flasche Wein und einmal in der richtigen Stimmung textet er drauf los. „Traumzustand“ nennt diese Aaron Dessner. Was Berninger daraus zurückbringt sind meistens tiefdunkle, kryptische Lyrics, randvoll mit Emotion. Er sei ein Optimist, ein Romantiker, sagt Berninger gegenüber dem „Guardian“. Doch erkunde er eben gerne die düsteren Seiten seines Hirns. Autobiographisch sind Berningers Texte freilich selten – und man möchte erleichtert aufseufzen, ob dieser Tatsache, so verloren klingen seine Weisen bisweilen.

Matt Berninger ist mittlerweile 46. Er wirkt immer noch wie ein genialer aber heillos chaotischer Post-Doc und verfällt Abend für Abend auf der Bühne in eine weinbeseelte Trance, die ihn bisweilen auf die Bretter schickt. Mittlerweile schnallt er sich nach eigenen Angaben sogar Schienbeinschoner um. Das ist der Bühnen-Berninger. Im wahren Leben wohnt er mit Frau und Tochter mittlerweile im sonnigen Los Angeles. Auch seine Bandkollegen sind in ihren 40ern, Familien-Väter, angekommen eben. Die verschworene Gruppe kennt sich seit den 90ern. Eine Weile lang residierten sie in einer Straße in Brooklyn quasi Tür an Tür. Mittlerweile sind sie über den halben Globus verstreut. Die Gebrüder Devendorf wohnen in Long Island (Scott) und Cincinnati (Bryan). Berninger hat es sich an der Westküste gemütlich gemacht, Bryce Dessner in Paris und dessen Zwillingsbruder weilt zeitweise in Kopenhagen.

Den Rest des Jahres verbringt Aaron Dessner in New York, genauer gesagt Hudson Valley. Hier entstand auch „Sleep Well Beast“ – in einer zum hochmodernen Studio umgebauten alten Scheune auf dem Anwesen der Dessners mit See in der Nachbarschaft. Ein harmonischeres Setting lässt sich kaum finden. Trotzdem krachte es mal wieder. Denn natürlich hatten die beiden Gitarrenvirtuosen einen Heidenspaß daran all die neuen Ideen aus ihren diversen Ausflügen und selbst kuratierten Festivals – oder auch etwas chaotischen Happenings wie im Berliner Michelberger – ins Spiel zu bringen. Berninger dagegen steht traditionell für mehr Purismus und einen kargeren Sound ein – so auch diesmal. Wären die Devendorfs nicht derart entspannt, hätten sich The National wohl längst heillos zerstritten. Am Ende vermittele immer Bryce Dessner zwischen seinem starrköpfigen Bruder und dem Frontmann, so Aaron. Das Vorgehen hat sich bewährt. Und obwohl der Mediator diesmal eine Weile abwesend war, weil er Vater wurde, ging am Ende offenbar alles friedlich zu Ende.

Tatsächlich klingt auf „Sleep Well Beast“ gar ein wenig Altersmilde durch. Das siebte Werk der Band kommt ohne die meisterhaft-dramatische Opulenz von „High Violet“ aus. Auch die bisweilen depressiv anmutende Schwermut von „Trouble Will Finde Me“ spielt nicht mehr die Hauptrolle. „Sleep Well Beast“ spannt lieber einen raffiniert-gesetzten Bogen von scheinbar persönlichen Dramen bis hin zur Selbstentzauberung Amerikas.

Den Richtungsstreit haben die Dessners klar für sich entschieden. Erstmals gibt es ausgefuchste Gitarrensoli – bislang ein exklusives Schmankerl der Live-Shows – allerlei Synthie-Experimente und minimalistische Elektroparts zu hören. Auf „The System Only Dreams In Total Darkness“ geben erstere den Ton an. Ein psychedelischer Indie-Rocker, der sich partout weigert ein eingängiger Hit zu sein und ein unumschiffbares Thema gleich anreißt: Donald Trump, natürlich. Nicht wenige Beobachter haben wohl von einer derart ausgewiesen politischen Band wie The National ein Widerstandsalbum für die geschundene Seele des liberalen Amerikas erwartet. Immerhin avancierte ihr vielleicht größter Hit („Fake Empire“) 2008 zur inoffiziellen Hymne der Obama-Kampagne. Auch aus ihrer Unterstützung für Hillary Clinton machten sie keinen Hehl und natürlich war Trumps Wahlsieg ein Schock für die Gruppe.

Der musikalische Aufschrei ist trotzdem ausgeblieben. Stattdessen gibt es da „Walk It Back“, ein sachte zurückgelehntes Elektro-Stück, das in der düsteren Suppe der gespaltenen Seele Amerikas badet. Ein Zustand, der Donald Trump ins Weiße Haus gespült hat. Heraufbeschworen hat er ihn mitnichten. Durch Trump sehe man bloß den Krebs im Körper Amerikas, beschreibt es Berninger. Dass „Walk It Back“ eine ausladende Spoken Word Passage enthält, in der davon die Rede ist, wie eine Regierung Realitäten schafft – und Fakten dezent ignoriert, ist kein Zufall. Zugeschrieben werden diese Worte Karl Rove, dem Stabschef von George Bush junior. Gesagt haben soll er sie 2004, da kannte noch niemand den Namen Kellyane Conway. Heute regiert der blanke Wahnsinn im Weißen Haus. Optimist Berninger hofft derweil auf die Katharsis – die Trump Präsidentschaft als heilende Katastrophe. Und bis dahin:

„Until everything is less insane, I’m mixing weed with wine“

In der ungeschliffenen Reaktion auf Trump keift er indes ganz wie es in der weinbeseelten Bühnen-Trance Usus ist und die Kollegen kleiden den obligatorischen Rocker in ein fast punkiges Gewand.:

„The poor, they leave their cellphones in the bathrooms of the rich and when they try to turn them off everything they switch to, is just another man, in shitty suits, everybody’s cheering for, this must be the genius we’ve been waiting years for, oh no”(“Turtleneck”)

Viel mehr als um die irrlichternden alten, weißen Herren in der Regierung dreht sich “Sleep Well Beast” aber um das diffizile Gleichgewicht in Beziehungen – und die unabdingbaren Mühen dieses zu halten. „Guilty Party“ etwa handelt vom Scheitern Berningers Ehe.

„I know it’s not working, I’m no holiday, it’s nobody’s fault No guilty party, we just got nothing, nothing left to say“

Tatsächlich sind er und seine Frau nach wie vor glücklich verheiratet – die Lyrics des Albums entstanden sogar unter fleißiger Mithilfe Carin Bessers. Das bittersüße, getragene Stück im Büßergewand ist ein Ausflug in die düstere Gedankenwelt des Frontmanns, es nährt sich von seinen Ängsten. Bessers Anteil an dem Werk ihres Ehemanns würdigt derweil „Carin At The Liquor Store“. Allerdings nur mit dem Titel. Der Song selbst gehört Aaron Desser. Sein Klavierspiel erschafft eine unendlich schwermütige Ballade, die schlichtweg zum Vergehen schön ist. Dagegen mimt „Day I Die“ den Ohrwurm par excellence. Ein Werk, wie ein pulsierendes Wespennest, mit markigen Girarren, die wie Blitze vom Himmel zucken und dem unerreichbaren maschinengewehrartigen Schlagzeugspiel Bryan Devendorfs. Im Vorbeigehen klärt der Song dann noch auf, was es eigentlich mit dem ominösen „Val Jester“ (auf „Alligator“, 2005) auf sich hat:

“I get a little punchy with the vodka just like my great uncle Valentine Jester did, but he had to deal with those people like you who made no goddamn common sense”

Dessner ist es auch, der “Born To Beg” den Boden bereitet. Diesmal aber bleibt sein Klavierspiel im Hintergrund. Stattdessen sorgen wabernde Synthies und Berninger für einen sakralen Sound, der einen sachte aber bestimmt einlullt und dem Romantiker am Mikro überlässt:

“New York is older and changing its skin again, it dies every ten years and then it begins again, if your heart was in it, I’d stay a minute I’m dying to be taken apart / I was born to beg for you”

Einmal Lunte gerochen, liefern The National mit “I Still Destroy You” gleich einen federleichten Flaniersong hinterher – nur um ihn in ein flimmerndes Feuerwerk aus Gitarren und Schlagzeug münden zu lassen, wie es live in trauter Regelmäßigkeit seit Jahren gezündet wird. Mindestens ebenso lange besteht das Band zwischen dem Quintett und Virtuosen wie Sufjan Stevens, Annie Clark (St Vincent) oder Justin Vernon. Auch mit diesen werkelten die Dessner-Zwillinge in den vergangenen vier Jahren an diversen Projekten. Die vielen großen wie winzig kleinen Zwischentöne, Falltüren, und elektronischen Soundfetzen auf „Sleep Well Beast“ resultieren aus eben diesen. Groß auftrumpfen dürfen sie freilich erst im impressionistisch ausufernden Titeltrack. Das Quintett lässt sich eben ungern in die Karten schauen.

Milde ist also eingekehrt, ein wenig zumindest. The National klingen gesetzter. Müde aber wirken sie keineswegs. Das Familienunternehmen ist emsiger denn je – allen voran natürlich die nimmermüden Dessners. Nach wie vor hätten sie das Gefühl als Band noch besser werden zu können. Zwischen Berninger und seinen Mitstreitern an der Gitarre dürfte es also noch eine Menge Zoff geben. Man möchte sie gerne anfeuern.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Journalist
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Redigatur
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
Die besten Konzerterlebnisse The National (Tanzbrunnen)

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