The National – Trouble Will Find Me

Label 4AD/Beggars
Musikrichtung Indie, Alternative
Redaktion
Lesermeinung
8

Es ist eine Kunst stets unbedeutender zu scheinen als man eigentlich ist. Eine von vielen, die The National mittlerweile perfektioniert haben. Die New Yorker sind die stillen Herrscher der Szenerie. Mit einer stoisch anmutenden Selbstverständlichkeit reihen sie Überalbum an Überalbum, ohne dabei auch nur ansatzweise austauschbar zu klingen. Die Charts zieren sich freilich diese Qualität gebührend zu honorieren, was aber nicht zuletzt der perfektionistisch-getrieben Vorliebe des Familienunternehmens für hochkomplexe Songs geschuldet ist. Der Versuch, spaßeshalber mal einen Popsong vom Reißbrett zu schreiben, hat laut eigener Aussage übrigens furchtbar grausam geklungen – da bleibt „Trouble Will Find Me“ erst recht den typischen Growern treu!

Mit „High Violet“ beerbt es ausgerechnet das Album, welches kommerziell The National am ehesten gerecht wurde, mit seiner majestätisch-ausladenden Produktion aber gleichzeitig am weitesten von den anderen Werken entfernt war. Dieser Ausflug wird nun korrigiert wenn man so will, es geht wieder in Richtung Boxer und Co, um genau zu sein sogar darüber hinaus – The National klingen intimer denn je! Und diese unverhohlene Nähe saugt den Hörer auf, lässt kaum Raum zum Atmen, Matt Berningers Bariton ist überall. Einmal mehr kommt dessen einzigartiges Talent zum Tragen, das menschliche Dasein in all seinen Irrungen und Wirrungen zu besingen. „Don’t Swallow The Cap“ ist da fast schon zu intensiv: Berninger versinkt in Depression und taucht wieder auf, er sucht Antworten und findet Fragen – der blanke Wahnsinn und doch so vertraut.

„i have only two emotions, careful fear and dead devotion/when they ask what do I see, I say a bright white beatiful heaven hangin’ over me”

Es gehört zur Kunst, dass man bei aller gefühlter Nähe dann doch wieder weit weg ist. The National haben ein feines Gespür für unser alltägliches Maskenspiel: Nach außen stets stilsicher und ernst, zerbröckelt die bürgerliche Fassade in der Musik und offenbart jenen ständigen Kampf mit den inneren „Demons“. Die Enddreißiger kämpfen ihn mit allen Mitteln. „This Is The Last Time“ beginnt als dumpftraurige Ballade und endet als Hymne. Das von Bryan Devendorfs Schlagzeugstakkato getriebene „Graceless“ ist ein einziges Wirrwarr aus Wortspielen und dennoch bedeutungsschwanger bis zum Abgang. Während sich Matt Berninger in „Humiliation“ zum scheinbar surrealen Storyteller aufschwingt. „I’am not my rosy self, left my roses on the shelf, take the white ones they’re my favourites, it’s the side effects that save us, Grace!“

Wie aus dem förmlichen Guss verschwendet “Trouble Will Find Me” keine Sekunde, dementsprechend brilliant sind auch die ganz leisen Töne. „I Need My Girl“, mit seinen wenigen, so perfekten Noten, ist nicht weniger als das vielleicht sehnsüchtigste Lied was diese Band je geschrieben hat. Und so ungerecht es eigentlich ist auf dieser Platte überhaupt Highlights zu sehen, „Pink Rabbits“ ist wohl das eindrucksvollste Lehrstück vollendeter lyrischer Kunstfertigkeit: “you didn’t see me I was falling apart, I was a television version of a person with a broken heart”
Die eine Überraschung hat das Album dann doch noch parat. Am Ende („Hard To Find“) scheint Matt Berninger tatsächlich mit sich und der Welt im Reinen. Ob er es nun wirklich ist, werden wir nie erfahren, doch ging es darum auch nie.

Vom Songwriting, über die Produktion, bis zu den Heerscharen befreundeter Musiker; diese Platte ist in allen Belangen eine weitere Demonstration einer Band, die sich in vielen Genres bedient, aber schlussendlich in ihrer eigenen Liga spielt. Gegen sich selbst, ein um’s andere Mal – meistens gewinnt sie.

„I can’t blame you for losing, your mind for a little while, so did I“

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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