The Tallest Man On Earth – Dark Bird Is Home

Label Dead Oceans
Musikrichtung Folk, Indie
Redaktion
Lesermeinung
3

Kristian Matsson ist wahrlich ein Hochkaräter. Seine heißgeliebte Gitarre überragt der größte Mann der Welt zwar nur knapp, dafür hebt ihn aber die Kritikerzunft in trauter Regelmäßigkeit auf den Folk-Thron schlechthin. Kein Interview, kein Review und erst recht kein Promo-Gekritzel kommen ohne Bob Dylan-Vergleich aus. Es gibt schlechtere Referenzen. Findet übrigens auch Justin Vernon. Mit seinen drei herrlich-puristischen Folk-Alben hat es der kleine große Schwede so längst auch in die kunterbunte Bon Iver-Freundesschar geschafft. Eigenwilliges Gitarren-Spiel, raue Stimme und wenn’s unbedingt sein musste noch ein Klavier – Matsson, der Minimalist mit maximal Charisma. Ganz im Geiste von Bob dem Großen eben.

Für „Dark Bird Is Home“ hat Matsson sein anachronistisches Folk-Repertoire jetzt etwas aufgefrischt. Er ist dem Trend im Trend gefolgt: Der gemeine Folk-Barde schnappt sich bekanntlich mittlerweile gerne ein paar Mitstreiter. Beim Schweden-Riesen sind das vor allem Bläser und eine schicke Streicher-Schar. Dieser sachte Prunk-Anstrich untermalt nun nach eigenem Bekunden das bisher düsterste Album des 32-Jährigen. Das mag textlich ja stimmen, doch hält es „Dark Bird Is Home“ zu keiner Sekunde davon ab, wie ein legerer Sommertag zu klingen.

Schon Opener „Fields Of Our Home“ ist die Ruhe selbst. Matsson zupft solange an seinem Lieblingsspielzeug herum, bis ihn gen Ende die Bläser erhaben umarmen – und vor dem inneren Auge die letzte Wolke vor der Sonne verscheuchen. Kristian Matsson gibt auf „Dark Bird Is Home“ den charmanten Menschenfänger. Warm, herzlich und munter. Die allgegenwärtige Melancholie scheint auch für ihn mehr Relikt aus der Vergangenheit, als ein akutes Problem zu sein. So grüßt er im meisterhaften “Darkness Of A Dream” noch schnell eine Verflossene („she said, I got no time for a broken believer“) während er mit der ganzen Mannschaft längst herrlich-beschwingt in die strahlende Zukunft blickt.

Das Dylanhafte ist in diesem neuen Wohlfühlsound größtenteils eingelaufen. Ausladende Melodien greifen jetzt Matssons charakteristisch-verschrobenem Gitarrenspiel unter die Arme. Elegant-harmonisch, diese traute Zweisamkeit. Der Schwede lässt 2015 eben nicht mehr nur noch seinen Charme spielen. „Seventeen“ gerät so zu einem quicklebendigen Schwenk aus Teenie-Zeiten mit einem unwiderstehlichem Road-Trip-Feeling. Dessen wohlige Sorglosigkeit übernimmt “Slow Dance“ gleich mal und garniert sie schön erfrischend mit Hilfe des Neuzugangs am Horn (der heimliche Star der Platte): „we slow dance in the kitchen and I dream the days away, in a place like this I should never feel afraid”

Freilich gibt es Überbleibsel aus der Vergangenheit, doch sind diese entsprechend rar – und unspektakulär obendrein. Am meisten Mühe geben sich da noch „Beginners“ und „Little Nowhere Towns“. Wobei letzteres im melancholischen Piano-Gewand die deutlich bessere Figur abgibt, als das Scheunen-Geklimper namens „Beginners“. Aber auch „Little Nowhere Town“ zieht demütig den Kopf ein, wenn der Titeltrack zum euphorischen Abschied lädt. Denn auch die allerletzte Erinnerung, man möge doch bitte die ergreifende Traurigkeit in dieser Platte endlich fühlen („I thought this would last a milllion years, but now i need to go”), verpufft in einem federleichten Folk-Rock-Ausstieg.

Die neue Erhabenheit im Hause Matsson macht aus dem schwedischen Dylan-Verschnitt keinen anderen Musiker. Auch ein scheinbar ewiger Traditionalist darf sich weiterentwickeln. „Dark Bird Is Home“ klingt so zweifelsohne erwachsener, weil runder. Und der Zuwachs in der Instrument-Familie war definitiv eine der besseren Ideen in einer Welt wo jeder meint irgendwas mit Folk machen zu müssen. Schlagende Argumente, warum nun ausgerechnet „Dark Bird Is Home“ auch noch den dritten Sonnenuntergang bereichern soll, liefert der Herr aber trotzdem nicht.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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