The Tidal Sleep – Be Kind

Album Be Kind
Musikrichtung Post-Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
6.75

The Tidal Sleep sind so etwas wie der Klassenprimus der deutschen Post-Hardcore-Szene, nur ohne den fiesen Nebeneffekt, dass man sie nicht leiden mag, weil sie vieles einfach saugut machen. Eher begrüßt man bei den Jungs, dass sie sich nach einem Triumph nie lange zurückziehen. Und weil auf sie eben Verlass ist, hat die Band jetzt mit „Be Kind“ eine weitere EP am Start. Aber verdient Veröffentlichung Nummer 100 auf This Charming Man auch die Vorschusslorbeeren, die man der Band normalerweise nur zu gerne zukommen lässt?

Etwas hemmte die Spannung allerdings vor der Veröffentlichung: Die vier Songs auf „Be Kind“ wurden nicht extra für die EP geschrieben, sondern entstanden während der Sessions zum noch aktuellen Album „Be Water“ (man beachte vor allem die Ähnlichkeit der Namen der Werke). Aber wer will es den Jungs auch verübeln, denn immerhin verteilt sich die Meute auf die Städte Mannheim, Karlsruhe, München, Berlin und Leipzig. Da werden pro Probe wohl vorsorglich gleich ein paar Songs mehr geschrieben.

Alter Wein in neuen Schläuchen wird einem von The Tidal Sleep aber nicht kredenzt, denn hier klingt sicher nichts nach Resterampe. Die Songs sind druckvoll und mit dem richtigen Gespür für die Dynamik des Sounds produziert. Vier Lieder, die wie Geschwister nebeneinander stehen, die man nicht auf Anhieb den gleichen Eltern zuordnen würde. Präsentiert sich das eine ruppig, impulsiv und ungeduldig („Apologies“), punktet das nächste vor allem durch seine gefühlvollen und einfühlsamen Seiten („Endings“). Die Band hat überhaupt kein Problem, von brachialen Parts in sphärische Soundgebilde zu wechseln, erneut auszubrechen und bei Bedarf das Tempo wieder zu drosseln. So steht jeder Song für sich und trägt trotzdem den Stempel der Band, die schon seit Jahren ganz oben mitspielt.

Aber um es nochmals mit den ungleichen Geschwistern zu sagen: Ein bunter Haufen, der bei genauerer Betrachtung doch den gleichen Ursprung hat. Die Mischung macht’s eben – und die passt auf „Be Kind“ wie bei einem sorgsam zusammengestellten Blumenstrauß. Und wer sich jetzt denkt, dass viele Blumen anfangs zwar überwältigend schön aussehen, aber dann auch ziemlich schnell verwelken, dem sei gesagt, dass die Jungs hier nur die besten Sorten für lange Freude ausgesucht haben. Aber das war ja auch noch nie anders. Und doch weiß die Band immer wieder zu überraschen, wie beispielsweise mit den eingängig cleanen Gesangsparts in „Endings“.

The Tidal Sleep bleiben unter den Klassenbesten. „Be Kind“ liefert vier Songs, um die es jammerschade gewesen wäre, wären sie auf irgendeinem Demotape versauert oder auf einer Festplatte in Vergessenheit geraten. Gerade richtig, um die Wartezeit auf ein neues Album zu verkürzen. Aber apropos kurz: Einziger Wermutstropfen ist wohl die etwas kurze Spielzeit, mit gerade einmal zehn Minuten. Aber wir werden’s verkraften. The Tidal Sleep werden sicher bald wieder von sich hören lassen.

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
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