The Tidal Sleep – Vorstellungskraft

Musikrichtung Post-Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
7

Sie waren gekommen um zu bleiben. Als The Tidal Sleep 2012 ihr Debut veröffentlichten trafen sie einen wunden Punkt und galten so ein wenig als deutsche Antwort auf die wahnsinnig erfolgreichen „Wave“-Bands  rund um deren Post-Hardcorler Touché Amoré, La Dispute und Pianos Become The Teeth. Mancherorts wurde bereits die Hype-Maschine angeworfen, obwohl The Tidal Sleep schon damals für ein Debut ungewöhnlich eigenständig anmuteten.

Über zwei Jahre sind seit dem vergangen und The Tidal Sleep nicht mehr aus der deutschen Szene wegzudenken. Neben der „Four Song Ep“ folgten zahlreiche Touren und Festivalauftritte, bei denen man sich nicht nur die Bühne mit musikalischen Buddies wie den Amerikanern von Xerxes oder Defeater teilte, sondern sich eben auch der ganz großen Aufmerksamkeit an der Seite von solchen Größen wie Boysetsfire, Funeral For A Friend oder Silverstein erfreute. Auch ein Besatzungswechsel konnte den steilen Aufstieg nicht wirklich abfedern und nun schickt sich der Fünfer an mit einem neuen Album auch die letzten Zweifler von sich zu überzeugen.

Dabei wartet „Vorstellungskraft“ zwar mit einem deutschen Namen auf, die Texte bleiben aber weiterhin international auf englisch gehalten und auch  ansonsten hat sich nicht viel am (Erfolgs-)Konzept der Band verändert – und das ist zunächst einmal gut so, denn Atmosphäre und Durchschlagskraft bilden hier weiterhin ein äußerst intensives Duo. The Tidal Sleep bleiben weiter die Gänsehaut-Coreler der hiesigen Szene und bieten sich was das angeht auch weiterhin als absolute Referenz an, ohne sich dabei jemals anzubiedern. Atmosphärische Gitarrenwände brausen immer wieder stürmisch nach vorne, die Texte sind weiterhin kraftvoll und mitreißend. Wie auch schon auf der Four Song EP wird die emotionale Abrissbirne dabei immer mal wieder kurz ausschwingen gelassen, um sich über atmende Instrumentalpassagen treiben zu lassen, das Songwriting bleibt ausgeklügelt und hält weiterhin eine angenehme Balance. Trotzdem darf man The Tidal Sleep auf „Vorstellungskraft“ attestieren, nicht mehr ganz so frisch und unbändig zu klingen wie noch 2012. Das Konstrukt erscheint etwas berechnender und auch durchdachter, punktet damit auch auf der rein musikalischen Ebene, verliert aber auf Dauer ein wenig das kleine, aber nicht unwesentliche Attribut der ungestümen Durchschlagskraft des Debuts, auch wenn diese immer mal wieder durchzuscheinen weiß.

Das bleibt dann aber letztlich Jammern auf hohem Niveau: The Tidal Sleep spielen auch mit „Vorstellungskraft“ in der Champions League modernen Post-Hardcores und dürften mit ihrem zweiten Album mindestens in Europa auch in Zukunft zur absoluten Speerspitze des Genres gehören.

Autor Sascha Schüler
Wohnort Magdeburg
Beruf Student
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews
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