The Wonder Years – No Closer To Heaven

Musikrichtung Pop-Punk
Redaktion
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7

Oftmals heißt es, traurige, melancholische oder gar depressive Menschen könnten besser, vielleicht sogar ehrlicher, schreiben als fröhliche und emotional gesunde. Ob das nun stimmt oder nicht, lässt sich vielleicht mit etlichen komplizierten Studien herausfinden. Freilich wäre es aber eine gute Erklärung für so einige Ergebnisse künstlerischen Schaffens. Nicht nur bei der Malerei, sondern besonders auch bei Songtexten erkennt man immerhin regelmäßig Großartiges. Im Regelfall sind das Ergebnisse von prägenden Ereignissen. Ereignisse, die man nicht einfach so hinnehmen kann, sondern aktiv verarbeiten muss.

Auch bei der Pop-Punk-Band The Wonder Years lässt sich spätestens seit deren zweitem Album „The Upsides“ (2010) dieses Schema erkennen. Zusammen mit den Nachfolgern „Suburbia I’ve Given You All And Now I’m Nothing“ (2011) und „The Greatest Generation“ (2013) bildet das Album eine Trilogie mit der Texter, Sänger und Frontmann Dan Campbell versuchte, seine Ängste, seine Einsamkeit und das Gefühl, verloren zu sein zu verarbeiten. Das neue, fünfte Studioalbum „No Closer To Heaven“ hat nun ein nochmal ein anderes Thema: Es handelt vom Verlust eines geliebten Menschen.

Den Opener gibt „Brothers &“, ein fast ausschließlich instrumentales Stück mit nur zwei Liedzeilen: „We’re no saviours if we can’t save our brothers. We’re no saviours, we’re no saviours“. In der Bridge des darauffolgenden „Cardinals“ werden diese auch gleich wiederholt. Hier verarbeitet Campbell egozentrische Phasen: Phasen, in denen man so sehr mit sich und seinen Problemen beschäftigt ist, dass man gar nicht mehr darauf achtet, ob es den geliebten Menschen um einen herum auch gut geht. „I should have been there when you needed a friend. I was off on my own again, selfish and stupid. So if you call me back or let me in, I swear I’ll never let you down again.

//www.dailymotion.com/embed/video/x2w5q6dThe Wonder Years – Cardinals (Official Music… von asif60964

„Cardinals“ handelt von Campbells Kampf, Mike Pelone, einem Freund der Band und Sänger bei Emergency And I, aus seiner Drogensucht zu helfen. Auch Jahre nach Pelones Tod durch eine Überdosis fühlt sich der Wonder Years-Sänger schlecht und verantwortlich, wodurch „Cardinals“ wie ein Versprechen an sich selbst wirkt. Ein Schwur, dass er so etwas nicht noch einmal zulassen wird. Nicht noch einmal zulassen kann.

„Die Musik ist die Stenographie des Gefühls.“ (Leo Tolstoi)

Man sagt, es gäbe vier Phasen der Trauer: Verleugnung, aufbrechende Emotionen wie Verlust, Einsamkeit, Wut oder Angst, Loslassen und die Akzeptanz, der Neuanfang. „No Closer To Heaven“ behandelt sie alle. Bei der zweiten Single „Cigarretes & Saints“ erinnern sich The Wonder Years um Dan Campbell zum Beispiel an die Beerdigung ihres Freundes. Daran, wie der Pfarrer den Verstorbenen als Sünder bezeichnete, da er wegen der Drogen den Tod fand: „Twice a week I pass by the church that held your funeral and the pastor’s words come pouring down like rain. How he called you a sinner and said now you walk with Jesus, so the drugs that took your life aren’t gonna cause you any pain“. Doch im selben Lied versucht sich die Band auch vorzustellen, wie es ihrem Freund nun geht. Dass, obwohl sie nicht an Gott oder den „Himmel“ glauben, er dort ist und noch immer dieselben Charakterzüge hat wie zu seinen Lebzeiten: „I’m sure there ain’t a heaven but that doesn’t mean I don’t like to picture you there. I’ll bet you’re bumming cigarettes off saints and I’m sure you’re still singing, but I bet that you’re still just a bit out of key, that crooked smile pushing words across your teeth“.

Bei „No Closer To Heaven“ passt alles zusammen: Die Lyrics, die Musik, die Stimme. In ihr liegt tiefe Trauer, Verzweiflung, aber auch Liebe. Und so unterschiedlich Campbells Geschichten sind, so unterschiedlich ist auch die Musik um sie herum. Von vollkommen durcharrangiertem und -komponiertem Pop-Punk mit traurig-melancholischen Momenten, bis hin zur Akustiknummer („No Closer To Heaven“) ist alles dabei und alles exzellent.

„No Closer To Heaven“ ist eine Hommage an einen verstorbenen Freund. Ein Versuch, für seine letztendlich nicht ausreichende Hilfe um Entschuldigung zu bitten. Ein Beweis, dass Freundschaft auch über den Tod hinaus anhält. Vielleicht auch ein Hinweis darauf, dass traurige Menschen tatsächlich besser schreiben können als fröhliche.

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