The xx – I See You

Album I See You
Band The xx
Label Young Turks
Musikrichtung Indie, Electro, Ambient
Redaktion
Lesermeinung
6

Es soll ja keiner sagen, er sei nicht vorgewarnt gewesen! Die drei Leisetreter vor dem Herrn haben sich doch tatsächlich von ihrem meisterhaft-melancholischen Minimalismus verabschiedet. Waren ihr Debüt und dessen Nachfolger (aka B-Seite) „Coexist“ noch klerikal dargebotener Eskapismus aus kaum hörbaren, aber überlebensgroßen Tönen, grüßt „I See You“ förmlich im Gewand eines popkulturellen Kanarienvogels. Nun ist das nicht weiter dramatisch – und überraschend noch viel weniger.

Die Weichen für dieses Album waren schon 2015 gestellt. Mit dem Moment, als der vielleicht nicht schüchternste, wohl aber unauffälligste Teil dieses düsteren Trios aus dem Maschinenraum emporkletterte und ein scheinbares Solo-Album auf die Tanzflächen der geschmacksfesten Klubs der Welt losließ. Über diesem meisterhaften Soundtrack der tieftraurigen Melancholie, wie sie der ekstatischen Welt der Dancefloors innewohnt, stand zwar nur der Name Jamie Smith. In Wahrheit aber war „In Colour“ das heimliche „I See You“ – die Heirat zweier Welten, die nur auf den ersten Blick himmelweit voneinander entfernt sind.

Smith hat auf seinen DJ-Ausflügen eine scheinbar sorglose Ausgelassenheit erlebt. Den sehnsuchtsschwangeren The xx-Messen hat die in all ihrer Monotonie naturgemäß nie innegewohnt. Doch hat Smith aus dieser Erfahrung kein Partyalbum gemacht. „Oberflächlich betrachtet haben sie die Zeit ihres Lebens, aber der Großteil geht hier gerade deshalb hin, weil in ihrem Leben etwas fehlt“, sagte Smith einmal über die Jünger vor seinem DJ-Pult. Seine Faszination gilt diesem Fehlenden, der tiefsten Sehnsucht nach Sinn und Geborgenheit – eben nach all dem, was The xx in jedem Takt beschwören.

https://youtube.com/watch?v=ZvGxChn59nQ

Croft, Sim und Smith sind mit „I See You“ also nicht zu Partypeople mutiert. Sie tanzen verschroben wie eh und je, kein Schwarz kann ihnen schwarz genug sein und keine Zeile zu intim. Auf „I See You“ gibt es weder Trump noch den Brexit – was sie dazu zu sagen haben, haben sie längst gesagt. Wie eh und je waten sie durch die Untiefen des Miteinanders, Croft und Smith, mal miteinander, mal gegeneinander, mal aneinander vorbei; das ganz normale kleine große Drama der Menschen. Nur sorgt ihr kongenialer Weggefährte nicht mehr bloß für den Unterbau, nein, er steht im Mittelpunkt.

Und so grüßt „Dangerous“ plötzlich mit einem Fanfarenzug, der glatt bei Florence Welsh abgeworben sein könnte, nur um dann von einem süchtig machenden Beat verdrängt zu werden. Smith versteht sein Handwerk – und seine beiden Schulfreunde machen mit. Die erste kleine Pop-Perle haben sie so schon nach vier Minuten im Kasten. „Say Something Loving“ hat seine Wurzeln zwar im alten Minimalkonsens. Sein flirrend-schwärmerisches Bett aber ist das Produkt des neuen Selbstbewusstseins, der hypnotisierende Refrain ohnehin.
„Say something loving, i just dont remember the thrill of affection, i need a reminder, the feeling escaped me“

Ewiggestrige werden mit „I See You“ kaum glücklich werden. Wie um auf Nummer sicherzugehen, darf Smith einem in „On Hold“ dann auch noch ein Sample auftischen, während Croft und Sim zwei tragische Figuren geben, die sich auseinandergelebt haben. Einen allzu beherzten Druck auf die Tränendrüse verhindert der herrlich-smoothe Beat des Mr Smith. Im meisterhaften „Lips“ treibt eben dessen mystisch-wabernder Bass das Duo durch die Dunkelheit, nur spärlich aufgehellt durch melodische Spielereien. So geht Pop mit Tiefenwirkung. Und 2017 haben The xx auch keine Angst mehr vor lupenreinen Ohrwürmern:

„I Dare You“ klingt für die Verhältnisse der dauer-melancholischen Briten fast selig, derart gelöst gleiten sie über den himmlisch-hallenden Klangteppich, unter dem der nächste süchtig machende Beat pocht. Bei so viel unscheinbar schönem Glanz rutscht einem dann auch die Kitsch-Schmonzette „Brave For You“ bereitwillig durch.

Die Präzisionsmaschine schnurrt also weiter perfekt wie eh und je. Mit „I See You“ bewahren sich The xx aber vor dem Selbstplagiat – und die Befreiung von der selbstverordneten Einsilbigkeit eröffnet zudem ganz neue Welten. Deren schwärmerische Schönheit hatte Smith 2015 schon vorgezeichnet. Jetzt zelebrieren sie sie auch ganz offiziell zu dritt. Schöner kann Eskapismus nicht klingen.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Journalist
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Koordination Interviews, Lektorat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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