Tocotronic – Die Unendlichkeit

Band Tocotronic
Musikrichtung Indie Pop
Redaktion
Lesermeinung
7

So unfassbar der Titel des neuen Albums ist, so nahbar präsentieren sich Tocotronic auf diesem. Und mit „Die Unendlichkeit“ läutet das Quartett definitiv eine neue Ära ihres Schaffens ein. War die erste Phase bis „Es ist mir egal, aber“ durch phrasenhaftes Dilettieren geprägt, entwickelte man ab „K.O.O.K.“ einen neuen Stil, der wesentlich kryptischer, abstrakter und metaphorischer daherkam. Doch schon auf dem „Roten Album“ 2015 nahm man langsam wieder Abschied von diesem und wandte sich einer etwas direkteren Ansprache zu.

Mit „Die Unendlichkeit“ gibt es nun eine Premiere: Tocotronic sind zum ersten Mal (scheinbar) nahbar. Dabei widmet sich Dirk von Lowtzow auf Album Nummer zwölf seiner eigenen Vergangenheit und nimmt den Hörer mit auf eine Zeitreise zu seinem heranwachsenden Selbst. Musikalisch ist die Platte dabei ähnlich abwechslungsreich geworden, wie das 2010er „Schall und Wahn“. Von Psychedelic Rock, über Indie-Tanzflächenfeger bis hin zu folkigen Pop-Nummern ist alles dabei. Immer schwingt im Kontext der Vergangenheitsbeschreibungen ein Stück Nostalgie, in Form von Post-Punk Sterilität oder auch 80er-Rock-Gitarren, mit. Wie allseits bekannt, wissen Tocotronic, dass sie nicht die besten Instrumentalisten sind, kehren diese Schwäche jedoch wieder um und probieren sich gar nicht erst in technischen Entgleisungen. Stets gehen Text und Musik Hand in Hand, stets sind die Arrangements zweckdienlich und schlank.

„Die Unendlichkeit“ wird diejenigen enttäuschen, die sich gerne in den Lyrics von Lowtzows verloren und darin ihre eigenen Wahrheiten gesucht haben. Hier sind die Aussagen sehr deutlich und verständlich. Der doppelte Boden der Vergangenheit wurde zurückgebaut. Auf der musikalischen Ebene ist den vier Herrschaften nichts vorzuwerfen. Hier untermalt man die textlichen Kleinstadtgeschichten passend. Neue Stilmittel und Erzählweisen stehen der bisherigen Perfektion Tocotronics also nicht im Weg. Ganz im Gegenteil fühlt sich der autofiktionale Stil wie die passende nächste Schritt an.

„In die Unendlichkeit/ Und noch viel weiter/ In die Unendlichkeit/ Einen Schritt weiter“

Autor Manuel Stein
Wohnort Kahl am Main
Beruf Business Analyst
Dabei seit Januar 2018
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews
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