Touché Amoré – Is Survived By

Musikrichtung Post-Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
6

„too big to fail“ ist ein Kampfbegriff und kein gut gediehener. Gerade dieser Tage, in denen Lehmann Brothers seinen 163. Geburtstag begehen würde, wäre der Jubilar nicht vor fünf Jahren scheinbar wie aus dem Nichts vom Times Square verschwunden, will ihn eigentlich niemand hören. Doch wenn Touché Amoré sich anschicken ihr neues Album auf die Welt loszulassen (und man möge mir in Frankfurt verzeihen) darf dieser Begriff schlichtweg nicht unter den Tisch fallen. Denn Jeremy Bolm und Co. sind längst für weit mehr als die Hardcoreszene genau das: „too big to fail“

Touché Amoré wissen um diesen Umstand und er behagt ihnen noch immer nicht. „I don’t owe anyone, I don’t owe anything, so stop expecting everything from me!” Ähnliches ließ man schon auf dem Vorgänger verlauten, doch zeigt “Is Survived By” jetzt eine gewachsene Band, die mit ihrer Rolle und den gigantischen Erwartungen deutlich selbstbewusster umzugehen weiß. Anders ist die eingeleitete Abkehr von ihren Grundtugenden nämlich nicht zu erklären! Mit deutlich tieferem und melodischerem Sound machen Touché Amoré zwar noch lange keinen Ambient Pop, doch ihre gefeierte, ungestüme Radikalität ist nicht mehr federführend. Das bestechende “DNA” und auch “Kerosene” atmen noch merklich „PTSBBAM“-Luft, im Kern ist “Is Survived By” jedoch anders – weil diese Band mittlerweile eine andere ist.

“expose all your secrets. to move units, display your weakness.“ rät Bolm möglichen Nachahmern. Er weiß was er da fordert. Genau das hat er getan, all die Jahre zelebrierte niemand die Verletzlichkeit des Seins so direkt wie der Dreißigjährige. Und auch anno 2013 gibt er nicht den eitlen Strahlemann. „there’s always a chance to relapse and fall back to the person I still fear is there“. Doch wirkt er insgesamt geläutert, Depression und Selbsthass sind passé. Diese Platte klingt nach Befreiung, Katharsis und dafür mussten Touché Amoré einiges in der Vergangenheit lassen. Nur so konnte „Is Survived By“ der nächste Schritt werden, den viele Kritiker von Bands mit Vorliebe einfordern. „I’ve circled myself with pretty people to hide who I was. I won’t miss them and they won’t miss me!“

Geblieben ist der Markenkern: Extrem laut und unglaublich nah (frei nach Foer). Weder an Emotion, noch an textlicher Brillanz haben TA einen Deut eingebüßt. Klar, die Emotionen sind andere, positivere, doch sind sie nicht minder mitreißend und ganz ehrlich, liegen wir uns nicht viel lieber zu „there’s people that changed me. there’s songs that saved me from all of this. there’s days that defined me. there’s nights that gave me strength from all of this. so here I am looking past it all reciting!“ in den Armen, als uns in Verzweiflung zu zerreißen?

Und da sind noch diese Melodien, die das Album durchdringen, große Momente schaffen und in „Non Fiction“ eine Soundwand hochziehen, an der die perfekteste Post-Rock Band rein gar nichts verbessern könnte. So ein Kunststück mit dem abschließenden Titeltrack dann gleich nochmal zu wiederholen spricht Bände, aber Touché Amoré waren ja schon immer die etwas andere Hardcoreband, die mit dem Indie/Post Rock-Faible eben. Jetzt ist es auch für den letzten nicht mehr zu überhören und an Druck büßen sie dennoch kaum ein.

Die fünf nehmen ihr Motto also ziemlich ernst. „Is Survived By“ soll eine Weile nachwirken und dürfte es auch ohne Weiteres schaffen; prominenter Platz bei den obligatorischen Bestenlisten inklusive. Vielleicht ist es dennoch nicht besser als „PTSBBAM“. Ja, vielleicht erschaffen auch Touché Amoré ein solches Überalbum nur einmal. Diese Überlegungen haben ihre Berechtigung, ändern aber am Fazit rein gar nichts: „Is Survived By“ ist das bestmögliche Album was diese Band gegenwärtig schreiben konnte. Und wenn man hört was Jeremy Bolm dazu denkt („I won’t fake what is expected to succeed with album three“) ist man doch gleich noch zufriedener.

So selbstbewusst, so vorbildlich und so gut. Touché Amoré – wahrlich everybody’s darlings!

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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