Trade Wind – Certain Freedoms

Band Trade Wind
Musikrichtung Indie-Rock, Post-Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
0

Trade Wind sind zurück und liefern mit „Certain Freedoms“, ihrer zweiten Langspielplatte, die logische Fortsetzung zum kompakten „You Make Everything Disappear“ von 2016. Dominierten dort aber noch introvertierte, von Leid zerfressene Trennungssongs, schauen Trade Wind beim Nachfolger tatsächlich ein bisschen auf die sonnigen Seiten des Lebens. Will heißen: So viel Sonne Schwermut und Melancholie eben zulassen, ganz aus der alten Haut kann man dann doch nicht. Die – um mal das einschlägige Rock-Vokabular zu bemühen – Supergroup um Jesse Barnett, der sonst hauptberuflich bei Stick To Your Guns ins Mikro brüllt, geht hier äußerst tiefenentspannt zu Werke. Probier’s mal mit Gemütlichkeit? Ganz so einfach nun auch wieder nicht.

Hardcore findet woanders statt. „Certain Freedoms“ setzt auf Melodie statt Gebolze, ist aber trotzdem nicht die leichteste Kost. Es regieren Gitarren-Arpeggios mit ordentlich Hall und großflächige Sounds à la American Football oder ähnlichen irgendwo in den Wolken zwischen Postrock und Emo schwebenden Artverwandten. So kreieren Trade Wind eine schon beinahe ambient-artig anmutende Stimmung, mitunter unterstützt durch dezente Klavieruntermalung. Jets To Brazil, ähnlich gelagertes „vom Punkrock freischwimmen“-Projekt, haben das ebenfalls so in der Art gemacht, wenn auch mit nicht ganz so viel Echo und klassischerem Songwriting. „No King But Me“, die erste Vorabsingle, steht dabei stellvertretend für den Gedanken, in der sonst ach so bösen Rockmusik auch einmal mit sich selbst und den Dingen zufrieden sein zu dürfen. Richtig so!

Ein Songtitel wie „I Can’t Believe You’re Gone“ lässt zunächst Traurig-Verzweifeltes wie zu Zeiten des Debüts erwarten, aber unser aller Leben geht tatsächlich auch nach dem Verlust vermeintlich unbezahlbarer Menschen weiter: „Don’t look back, there’s no reason / What’s in the past is forgiven.“ Im wundervollen Titeltrack gibt es die beste Hook des Albums, auch wenn das Lassen gewisser Freiheiten durchaus beängstigend sein kann und die Jagd nach den „honest feelings“ und sich selbst nicht immer eine einfache ist. Trade Wind zelebrieren das wieder Aufstehen nach dem Fall, das Zurechtrücken der Krone und das Licht am Ende des Tunnels.

„Moonshot“ weckt Erinnerungen an die zurückgelehnteren Deftones-Momente, vieles andere an die balladeskeren Brand New, und dass Jesse und seine Mitstreiter auch mit den gediegeneren Thrice-Momenten bestens vertraut sind, ließe sich ebenfalls vermuten. Richtig ausbrechen werden Trade Wind auch im weiteren Verlauf der Platte nie, maximal in „Beige“ ein kleines bisschen wilder. In „Flower Machine“ und „Untitled II“, der eher Interlude-Charakter besitzt, haben sich Akustikgitarren-Riffs in den – ja, der Begriff trifft’s auf den Punkt – sphärischen Indie-Rock geschmuggelt. Ihrem Konzept bleibt die hörbar spielfreudige Band aber weiterhin treu, schreckt anderwärtig auch vor Kopfstimme und Drum-Computer nicht zurück.

„Certain Freedoms“ hat keinen wirklich schlechten Song anzubieten, die angezogene Handbremse lässt allerdings auch keine allzu riesigen Ausrufezeichen zu. Großtaten vom Kaliber eines „Lowest Form“ gibt es bei Trade Wind’s Runde zwei nicht mehr zu bestaunen, aber furchtbar schlimm ist das gar nicht: Hier kommen erfahrene und talentierte Musiker zu einem Herzensprojekt abseits ausgetretener Genre-Pfade zusammen, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen, und das ist gut so. „And if you go, I’m coming with you“, kündigt Jesse Barnett im letzten Track an. Gerne doch, aber beim Wiedersehen wären auch ein bisschen mehr Schmackes und der ein oder andere markante Widerhaken zu begrüßen. Bis dahin alle mal tief durchatmen.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Frankfurt
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews
Top-Alben Jawbreaker - Dear You, Elliott Smith - Either/Or, The Smashing Pumpkins - Siamese Dream, Placebo - s/t, The National - Boxer/High Violet, Nirvana - In Utero
Die besten Konzerterlebnisse u.a. Black Rebel Motorcycle Club (Luxemburg), Cloud Nothings (Köln), Wolf Alice (Frankfurt) und ganz ganz viele Shows im Exhaus in Trier

Hinterlasse einen Kommentar