War On Women – Capture The Flag

Label Bridge 9
Musikrichtung Hardcore Punk
Redaktion
Lesermeinung
5

Als War On Women 2015 mit ihrer selbstbetitelten LP debütierten war Donald Trump noch weit davon entfernt, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden, Harvey Weinstein noch dick im Geschäft und die Me-Too-Debatte noch lange nicht aus der Taufe gehoben. Seither haben sich einige Dinge zum Guten, andere zum Schlechten gewendet. Zeit für die gemischt feministische Hardcore-Punk-Formation aus Baltimore ihr Zweitwerk an den Start zu bringen.

„They don’t care if you live, they don’t care if you die, it’s only ever been about control. Grip, hammer, trigger, cylinder, barrel, muzzle, bullet, killer.“

War On Women klingen nun erwachsener. Der ungestüme Punk des Debüts ist zwar noch da, weicht aber zunehmend geordneteren Strukturen. Das ist der erste Eindruck, den der Opener „Lone Wolves“ hinterlässt. Zum Füße hochlegen ist die Zeit allerdings noch nicht gekommen, denn ein sattes Pfund Circle-Pit-Energie transportiert der Song dennoch. Ja, da schwingt sogar ein Wenig Propagandhi mit, die die damals noch ziemlich unbekannten War On Women 2013 auf ihrer Failed-States-Tour durch Europa neben Shai Hulud und Comeback Kid mit im Gepäck hatten.

Und der erste Eindruck von „Capture The Flag“ täuscht nicht einmal zu sehr, denn das folgende „Silence Is The Gift“ entpuppt sich als kernige Rocknummer mit eingängigem Gitarrenspiel. Wer jetzt das Bild eines zahnlosen Tigers vor Augen hat, unterschätzt War On Women. Die Kraft ihres zweiten Albums liegt noch in den Texten – und wenn Frontfrau Shawna Potter mit ihrer kraftvollen Stimme „I never wanted to be, I never thought I could be, I’ll never, ever be a quiet woman“ singt, ist sofort klar, dass man dieser Power-Frau besser nicht blöd kommt.

Das Quartett macht seine Musik nicht zum reinen Zeitvertreib: Das Themenspektrum auf „Capture The Flag“ überrascht so wenig, wie es einen kalt lassen sollte: Die Songs drehen sich um Waffenrechte („Lone Wolves“), weibliche Selbstbestimmung („YDTMHTL“) und längst überholte Rollenbilder („Predator In Chief“). Den passenden Ton schneiderte J Robbins von Jawbox dem Album auf den Leib. Und auch neben den Klangreglern ist Prominenz auf dem Album vertreten: „Capture The Flag“ enthält Gastauftritte von Kathleen Hanna (Bikini Kill, Le Tigre) und Porno-Punk-Sternchen und -produzentin Joanna Angel. Frauen, die wissen, worum es geht, wenn War on Women im angepissten „YDTMHTL“ einem „You Don’t Tell Me How To Live!“ zu verstehen geben.

War On Women erteilen ihre zweite Lehrstunde in Sachen Feminismus, Machotum und Frauenrechten – und legen den in Salzlake getauchten Finger sehr unsanft in die Wunde der Gesellschaft. Es bleibt nur zu hoffen, dass sie damit ein immer größer werdendes Publikum erreichen, damit die Entwicklungen der nächsten Jahre dann endlich mehr Gutes als Schlechtes hervorbringen – und aus dem Finger bald eine ganze Hand wird.

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
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