Whitechapel – Our Endless War

Musikrichtung Metalcore
Redaktion
Lesermeinung
3

Was für eine Band. Whitechapel sind vermutlich eine der letzten übriggebliebenen Vertreter des Deathcore-Genre, die man heute noch ernst nehmen kann und muss. Während viele andere sich in Klischees oder Ideenlosigkeit verlieren, fahren die Amerikaner auf dem aktuellen Werk „Our Endless War“ gekonnt eine kompositorische Achterbahn zwischen Politik, Hass, Überladenheit und Kitsch. Also doch eher eine Geisterbahn?

In einem Musikstil, der ein Patient im Endstadium zu sein scheint, ist es umso erfreulicher, wenn sich irgendwo doch noch etwas Innovatives entwickelt. Mit dem unaufhörlichen Weiterentwickeln, ja dem Feinschliff des eigenen Stils, kennen sich Phil Bozeman und seine Band aus. In zahlreichen Studioalben machten sie so einiges durch, von Gore-Plattitüden über Breakdown-Sucht bis hin zu einem technisch sehr erwachsenen, ausgereiften Sound der letzten Jahre. Auf „Our Endless War“ jedenfalls wird experimentiert. Und das nicht zu knapp.

Nach dem Intro starten Whitechapel gleich im Titeltrack, einer Art Punkrock-Death-Metal-Mischung, mit einem erst einmal seltsam verspielt wirkenden „Let’s Goooo!“. Konsequenterweise ziehen sie die rotzig-punkige Seite auch lyrisch durch: „My country tis of greed, sweet land of idiocracy“ ist ein klarer Mittelfinger an die amerikanische Politik.

Müsste man den typischen Whitechapel-Sound definieren, dann hätte das folgende „The Saw Is The Law“ gute Chancen auf die Nominierung. Zu einem genre-üblichen Anfangs-Riff gesellen sich zunächst keine aufsehenerregende Klänge. Doch dann streuen Whitechapel dezente Melodien und Details ein, das konnten sie schon immer.

„Mono“ heißt der wohl klischeehafteste Song auf dem Album. Textzeilen wie „Stop whining for a better life / Just kill yourself, your kids and your wife / No one cares / Kill yourself“ waren 2008 mal angesagt, braucht man heute jedoch nicht mehr. Etwas gesellschaftskritischer geht es dann in „Worship The Digital Age“ weiter, hier mit einer markerschütternden Performance des Sängers Phil Bozeman. Ohne bloß einen weiteren Lobgesang auf dessen absurd brutales Vokalorgan anstimmen zu wollen: der Mann trägt weite Strecken der Songs nahezu alleine. Wenngleich Whitechapel einen eigenen Sound besitzen, das Aushängeschild wird immer der Frontmann sein.

Die weiteren Titel des Albums tröpfeln anschließend so dahin, bis sich mit dem (von zwei Bonus-Tracks abgesehen) letzten „Diggs Road“ ein heimliches Juwel offenbart. Die melancholischen Melodien überlagern sich hier in ausgeklügelten Strukturen, der Titel wirkt mit Soli und dezentem Schlagzeug fast progressiv. Zusammen mit Lyrics über den Freitod ergibt sich ein kleines Meisterwerk der Schmiede aus Knoxville, Tennessee.

Wäre dieses letzte Aufgebot an Spielkunst nicht gewesen, das Album würde nach hinten raus eher im Sand versickern. Trotz aller Kleinteiligkeit und allen Ideenreichtums, weite Strecken von „Our Endless War“ plätschern vor sich hin, schlagen aber keine großen Wellen. Dennoch bleibt spannend, womit uns Whitechapel in der Zukunft noch beglücken.

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