Yellowknife – Retain

Album Retain
Musikrichtung Indie-Rock
Redaktion
Lesermeinung
5.5

Was bei Yellowknife, sobald die ersten spätsommerlich anmutenden Töne erklingen, aufhorchen lässt, sind zunächst zwei Dinge: Erstens würde man – gäbe es keinen Pressetext – kaum vermuten, dass es sich hierbei um eine deutsche Band handelt. Zweitens klingt „Retain“ nicht wie ein 2018er Release.

Das zehn Songs starke zweite Album des (mittlerweile darauf zusammengeschrumpften) Trios ist wohl tatsächlich das, was man im Allgemeinen als „Indie-Rock“ beschreiben könnte – auch wenn sich dieser Genre-Begriff nicht nur ausgelutscht liest, sondern ohnehin schwer zu fassen ist. Ihn durch Vokabeln wie „handgemacht“ oder „aufrichtig“ zu ergänzen, nützt oft auch keinem. Bei Yellowknife stört das aber interessanterweise überhaupt nicht, sondern macht sogar Sinn. Denn im Falle von „Retain“ hat man es vor allem mit anschmiegsamen, unaufgeregten Gitarrennummern zu tun. Und zwar durchaus US-amerikanischer Prägung: In Hamburg sehnt man
sich nach San Francisco.

„So easy“, wie Sänger und Gitarrist Tobias Mösch in Song Nummer zwei, der passenderweise „Second Hand“ getauft wurde, mit warmer Stimme singt, trifft die Stimmung auf der Platte dabei ganz gut. Nicht ganz so verschlurft am Werk wie die großen 90er Slacker- Ikonen à la J Mascis oder Stephen Malkmus, aber auch ohne den ganz großen (Wut-)Ausbruch. Das bedeutet jedoch nicht, dass Yellowknife dabei den Weg des geringsten Widerstands gehen würden: Die perlenden Gitarrenspuren beweisen Mut zur Melodie, Powerchords geschrubbt werden hier selten und trotzdem geben sich die Instrumente immer mal wieder ein bisschen kratziger und angriffslustig („The Twist“). Manchmal fühlt man sich sogar ein bisschen an Jimmy Eat World oder Rival Schools erinnert, hätte emand die letzten Punkrock-Reste weggekratzt. Fuzz ist erlaubt.
Tobias Möschs Lyrics kommen von innen, erzählen von den kleinen und großen Entscheidungen im Alltag und beim Älterwerden, vom Unterwegssein, von Postkarten und Textnachrichten. Immer auf der Suche nach dem „place where I belong“, auch wenn der nur der zugestaubte Proberaum im Keller ist. Das Ziel liegt auf der Straße – Muff Potter nannten das einst „I Love Fahrtwind“ und Yellowknife sind die rastlosen Brüder im Geiste, wenn auch im selbigen noch viel weiter über den großen Teich.

„Retain“ ist entspannter Wohlfühl-Indie zwischen Umzugskartons und Fernweh, der zutraulich daherkommt, aber nicht zu lieb oder harmlos bleibt. Yellowknife gelingt es dabei mit Leichtigkeit, Ohrwurm-Refrains mit Dynamik und dieser unwiderstehlichen, bittersüßen Melancholie zu kombinieren, die bei anderen Bands durchaus kitschig und gewollt erscheinen mag, hier aber passt wie der Dreitagebart nach dem Roadtrip. Und dann auf dem Beifahrersitz in den Sonnenuntergang verschwinden.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Frankfurt
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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Top-Alben Jawbreaker - Dear You, Elliott Smith - Either/Or, The Smashing Pumpkins - Siamese Dream, Placebo - s/t, The National - Boxer/High Violet, Nirvana - In Utero
Die besten Konzerterlebnisse u.a. Black Rebel Motorcycle Club (Luxemburg), Cloud Nothings (Köln), Wolf Alice (Frankfurt) und ganz ganz viele Shows im Exhaus in Trier

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