Exklusiv: Great Escapes – Track-by-Track zur neuen EP und Videopremiere von „Noisy“

Exklusiv: Great Escapes – Track-by-Track zur neuen EP und Videopremiere von „Noisy“

Wir präsentieren euch exklusiv das Track-by-Track zur neuen Great Escapes-EP „Shivers And Shipwrecks“ – und außerdem das Musikvideo zu „Noisy“!

Vor zweieinhalb Jahren hat die Emo-Punk-Band Great Escapes ihr Debütalbum „To My Ruin I’ll Go Gladly“ veröffentlicht – nur wenige Monate nach ihrer Gründung. Für ihre Nachfolger-EP „Shivers And Shipwrecks“ ließen sich Maik Osterhage, Frederik Tebbe und Maik Pohlmann (v.l.n.r.) dagegen etwas mehr Zeit, Songs auch mal liegen, gingen Experimente ein und versuchten sich an neuen Wegen. Exklusiv für Stageload hat Sänger und Gitarrist Frederik Tebbe seine Gedanken und Erinnerungen an die Entstehung der Songs und der EP zusammengefasst; spricht vom Alltagsstress und vollen Terminkalendern, Politik und Inspiration durch die Musik anderer Bands. Außerdem präsentieren wir euch das Musikvideo von „Noisy“ – ein Making-Of der bei Homesick Merch gesiebdruckten 12″-Vinyl-LP.

Für Fans von Muff Potter, Apologies, I Have None und Jawbreaker.

 

The Walking Deadline
The Walking Deadline ist der erste Song, den wir geschrieben haben, nachdem wir 2015 aus dem Studio kamen und unser Debütalbum To My Ruin I’ll Go Gladly aufgenommen hatten. Damals klang er zwar noch nicht im Ganzen so, wie er es jetzt tut, aber zu der Zeit haben wir ihn schon zu großen Teilen umrissen und uns gedacht: „Oha, also das klingt jetzt komplett anders als diese elf Lieder, mit denen wir uns das letzte Jahr um die Ohren gehauen haben.“ Tatsächlich haben wir ihn dann auch auf unserem zweiten Konzert überhaupt als Opener gespielt, weil wir unseren Mercher Julian mit einem neuen Lied überraschen wollten, aber ich glaube, er hat das überhaupt nicht bemerkt. Es ist also folgerichtig, dass dieses Lied diese neue EP eröffnet.

Der Titel The Walking Deadline umschreibt eigentlich ziemlich genau, worum es darin geht. Es geht um Stress, darum, vom eigenen Terminkalender vereinnahmt zu werden und sich kaum Zeit fürs Wesentliche nehmen zu können. Den Text dazu schrieb ich, als ich 2015 meine Bachelorarbeit verfasste und parallel dazu unser Album produziert wurde. Zweieinhalb Jahre später habe ich nicht wirklich daraus gelernt, denn während ich meine Masterarbeit schreibe, bereiten wir die Veröffentlichung von Shivers And Shipwrecks vor. Naja. Was soll’s. Always on the run but never good to go.

 

Noisy
Noisy ist vor einer Weile aus irgendeinem Jam hervorgegangen und wir nannten ihn immer ganz euphorisch den Skatepunk-Song. So ist das eigentlich meistens, wenn wir ein neues Lied schreiben: Wir geben ihm einen dubiosen internen Titel (Headgrenade hieß ganz lange Drop-C-Capo-auf-1) und freuen uns so sehr darüber, einen neuen Song auch nur angerissen zu haben, dass wir erst im zweiten oder dritten Schritt bemerken, was genau wir da eigentlich gerade machen. Und so kamen wir auch gleichzeitig nicht wirklich weiter mit Noisy, weil uns nach dem zweiten Chorus die Ideen ausgingen und dann lag er erst mal über ein Jahr lang brach. Als wir aber beschlossen, eine neue EP zu machen, erinnerte sich irgendjemand an den guten alten Skatepunk-Song und wir zogen ihn ganz neu von vorne auf – und Basto und Luke krempelten ihn im Studio dann wiederum nochmal gehörig um.

Noisy ist so etwas wie ein ,politischer‘ Kommentar. Der Text ist entstanden, als es hierzulande richtig losging mit der Flüchtlingskrise und sich herausstellte, dass Pegida und Hogesa nur die Spitze des braunen Eisbergs waren. Eine Zeit, in der in sozialen Medien immer mehr Internet-Wutbürger-Trolle blind hetzten und man sogar im privaten Umfeld bemerkt hat, dass sich hier und da langsam die Neue Rechte mit ganz kleinen Kommentaren in den Köpfen breit macht. Obwohl ich eine sehr ausgeprägte Meinung dazu habe, bin ich sehr oft sprachlos, wenn ich so was höre oder lese. Meistens neige ich dazu, entweder ohne jedes Taktgefühl bei Bekannten draufzuhauen oder im Gegenteil komplett überfordert mit all dem Hass zu sein und einfach die Schnauze zu halten. Beides nicht richtig. In diesem Spannungsfeld findet Noisy auch statt: Der Wut auf all die Arschlöcher da draußen und der Ohnmacht, ihnen sinnvoll begegnen zu können. Eine Bitte, die ich seitdem selbst zu beherzigen versuche: Tretet in einen Dialog, denn der muss sein. Aber führt ihn, gerade mit Freunden, sachlich, anders führt es zu nichts.

Let It Ache
„Was habt ihr da im Refrain gesungen? Ooooooh, Cadillac?“ „Nein, das war doch oooooooh, Great Escapes!, oder?“ Braunschweig, 23. Juli 2016. Wir hatten vor zwei Tagen ein Lied geschrieben, es heißt Let It Ache, und wir fanden es so toll, dass wir beschlossen, es direkt mal live auszuprobieren. Weil der Refrain darin so zum Mitsingen einlädt, haben wir die eigene Regel gebrochen und die Leute einfach darum gebeten. Und sie haben es gemacht! Nur hatten sie keine Ahnung, was wir da eigentlich sangen, und dachten, statt „Let It Ache“ sängen wir über amerikanische Autos oder gar unseren eigenen Titelsong. Nun, ja, nein, sorry, geht leider um Kopfschmerzen und schlechte Träume.

Let It Ache ist seitdem trotzdem unser Lieblingslied. Es hat noch einige Veränderungen durchlaufen, nicht zuletzt dank Basto und Luke, und die haben ihm sehr gut getan. Wir würden uns sehr freuen, wenn es auch auf den nächsten Konzerten sehr laut und inbrünstig mitgesungen werden würde. Wenn dabei jemand ,Cadillac‘, ,Great Escapes‘ oder ,Hackysack‘ singen möchte, ist das okay. Feel free.

 

Antiartikulation
Ein deutschsprachiger Song – und schönerweise auch der erste, den Maik als Lead-Stimme singt! Als wir die Band gegründet haben, haben wir ihm solange gesagt, er solle hin und wieder auch mitsingen, bis er irgendwann das Gefühl hatte, es wäre seine Idee gewesen. Am Anfang war ihm dabei nie wirklich wohl. Ein paar Jahre später schnappt er sich einen Text aus unserer Dropbox und singt sein eigenes Lied. So kann es kommen und das ist auch echt gut so, weil Maiks Stimme eine richtig gute Abwechslung in unseren Sound bringt.

Antiartikulation hat einen ziemlich schweren Chorus, inhaltlich wie bildlich: „In unseren Kellern sind keine Leichen. Wir haben sie alle verbrannt und die Asche unter den Teppich gekehrt als hätten wir sie nie gekannt.“ Es geht im Song um das alte Dilemma, sich mit Leuten zu streiten, aber statt reinen Tisch zu machen und sich hinterher auszusprechen, einfach zu warten, bis Gras über die Sache gewachsen ist und so zu tun, als wäre nie was gewesen. Wahrscheinlich die ungesündeste Art, einen Streit zu überwinden, denn erfahrungsgemäß kommt es dann beim nächsten gleich zwei Mal so dick, weil der erste ja gar nicht wirklich geklärt wurde. Kennt – vermutlich – jeder. Im besten Fall, und dahin will auch der Song am Ende, muss man dafür Aufstehen und die Dinge ansprechen. Das hängt aber ganz von der Ausprägung des eigenen Rückgrates ab und kostet einiges an Überwindung. Jetzt, wo ich darüber schreibe: irgendwie auch eine Art Fortsetzung zu Noisy. Die Stille nach dem Schuss.

 

Doves of Winter
Doves of Winter ist das größte Experiment, das wir als Band jemals gemacht haben, in jeglicher Hinsicht. Der Song basiert auf dem melodischen Bass-Riff, das zu Beginn erklingt und als wir gemerkt haben, dass wir da jetzt ohne Gesang nicht weiterkommen werden, habe ich den ersten Entwurf des Textes mit der Melodie im Kopf noch auf der Zugfahrt nach Hause geschrieben. Ich glaube, echte Musiker machen das so: Musik schreiben und sich dann überlegen, wie man dazu Worte findet. Wir haben ja keine Ahnung, was wir da eigentlich tun, also war es bei uns immer andersherum: Wir haben zuerst einen Text und überlegen dann, wie man ihn in Musik übersetzt.

Inhaltlich sollte es groß, pompös und am besten noch irgendwie symbolisch werden. Obwohl es Hochsommer war, stellte ich mir vor, bei Minusgraden draußen zu stehen und Musik zu hören. Biographisch war eh gerade einiges im Umbruch, die Uni neigte sich langsam gen Ende, wie es danach weitergehen würde, ist für die meisten sowieso ein Rätsel, und auf formaler Ebene würde man dann wohl irgendwie erwachsen sein. Und plötzlich ist man ja auch schon Mitte 20! Ach herrje. Zurück geht jetzt wohl nicht mehr. Aber man hat Musik im Ohr, dieses schöne große Schutzschild, mit dem man für alle Zeit gegen die Zeit gewappnet ist. Darum sollte es im Song gehen, zu sehen, dass die Uhr tickt, und man irgendwie lernen muss, damit umzugehen.

Die Musik, die mein fröstelndes lyrisches Ich im Ohr hatte, durfte nur eine sein, und zwar die, die ich gerade wieder pausenlos hörte: Thursday. Ich hatte die Band nach langer Pause wiederentdeckt und habe einen Kopfsprung in ihre Diskographie gemacht. Ich fand es großartig, wie diese Band klingt. So, als würden alle Jahreszeiten gleichzeitig in ihrer Musik stattfinden. Kalt und warm, stürmisch und sonnig. Wahnsinn. Ihr vorerst letztes Album heißt No Devolución, und das habe ich mir als „No devolution“ schließlich für den Chorus ausgeborgt. Keine Rückentwicklung. Oh yeah. Oder? Und wer jetzt Thursday bei Google Bilder eingibt, wird auch schnell erkennen, was es mit den titelgebenden Doves of Winter auf sich hat. Es sollte eben alles sehr symbolisch und möglichst referenziell sein. Nennt man das schon postmodern?

Das Ergebnis war schließlich der melancholischste Emo-Song mit den größten Gesten, den wir bis dato gemacht haben. Im Studio hat Basto noch auf ein paar Delay- und Reverb-Pedale getreten und es sich zur Aufgabe gemacht, das Lied noch dramatischer zu machen, als es schon war. Ich erinnere mich an einen schaurigen Moment im Rad Room in Iserlohn, irgendwann nachts um halb 2, als er vorschlug, dass ich für den Background des ersten Chorus doch mal versuchen solle, ihn einzuflüstern. Klang ein wenig, als würde ich mit Schlangen sprechen. Ist jetzt irgendwo in den Hintergrund gemischt worden. Dann musste ich mir ein Reverb-Effektgerät kaufen, damit wir das Lied auch live spielen können.

Der Song – und so auch die EP – endet damit, dass Basto mir das Klinkenkabel aus der Gitarre reißt, nachdem all die schönen Wave-Melodien ohnehin im letzten Part von einer Armada aus mehrschichtigen Bratgitarren und Gesängen abgefackelt wurden. Wenn man aufpasst, kann man das hören. Ich glaube, das ist mein Lieblingsmoment auf der ganzen Platte.

Basto, Luke, ihr seid die Allergrößten.

 

„Shivers And Shipwrecks“ wurde im Rad Room in Iserlohn mit Bastian Hartmann (u.a. City Light Thief, Idle Class) und Lukas Kroll (Rivershores) aufgenommen, erscheint am 2. März via Uncle M Music und kann hier vorbestellt werden.

Tracklist:
01. The Walking Deadline
02. Noisy
03. Let It Ache
04. Antiartikulation
05. Doves of Winter

Great Escapes – live:
02.03. – Rheine – Trinkhalle (Release-Show)
03.03. – Solingen – Waldmeister
10.03. – Hamburg – Astra Stube
11.03. – Osnabrück – Substanz
13.04. – Bonn – Bla
14.04. – Steinfurt – Privat
24.04. – Münster – Sputnikcafé (+ Cold Years)
30.04. – Schapen – Mosh’n’May Festival
05.05. – Ibbenbüren – Scheune

Foto: Julian Schmidt

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

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