Kolumne: Die Doppelmoral der Hardcore-Szene

Kolumne: Die Doppelmoral der Hardcore-Szene

In der heilen Welt des Hardcore hat sich jeder lieb. Man hört zwar Musik, die gemeinhin als hart oder gar aggressiv bezeichnet wird und Außenstehende können kaum verstehen, wieso man sich das Gedränge vorne im Pit antut – aber im Hardcore-Kosmos sieht man das natürlich anders. Die Szene ist eine große Familie und Toleranz das höchste Gut: Wer rechts ist, kann sich verpissen. Wer im Gewühl fällt, dem wird geholfen. Und vor allem: Jeder kann Teil dieser großen Gemeinschaft werden, denn man ist offen gegenüber allen Minderheiten, die die Welt so zu bieten hat.

Alles sehr löblich und kein unwillkommenes Umfeld. Doch bewegt man sich öfters in der Szene, treibt sich auf den einschlägigen Konzerten herum und ist schlimmstenfalls noch eine Frau, wird schnell deutlich, wie weit Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen können. Denn auch wenn die hardcoretypischen Ansagen von politisch angehauchten Bands ausnahmslos abgefeiert werden, sind folgende Eindrücke gang und gäbe:

– Man kommt vom Job direkt zum Konzert, ist mal etwas schicker gekleidet und hat zum Beispiel einen Rock an. Natürlich wird direkt bei Einlass festgestellt, „dass man ja wohl nicht zu der Show will, oder?“
– Dennoch gilt man als Frau direkt als cool, wenn man nicht nur „Anhängsel“ vom Hardcorefreund ist, sondern sich auch etwas auskennt. Selbstvermarktung auf Instagram funktioniert innerhalb der Szene dementsprechend erste Sahne – lüsterne Blicke auf Konzerten garantiert.
– Jeder, der nicht dem Stil der Szenemasse entspricht, wird angeschaut, eingeordnet und als unwissend abgestempelt.
– Ob Veganismus, Religionshass oder Autoritätenhass, im Hardcore gibt es eine Norm, die es einzuhalten gilt. Nur wie kann man eigentlich tolerant sein, wenn man jegliche Werte verachtet, die nicht die eigenen sind?

Eigentlich müsste ich mir um sowas gar keine Gedanken machen. Denn auf den ersten Blick bin ich die perfekte Hardcore-Frau. Gut, vielleicht ein bisschen zu wenig Farbe unter der Haut, aber definitiv schon lange genug dabei, um Genre-Diskussionen führen und Konzertvergleiche ziehen zu können. Ich steh‘ mit meiner mit Patches benähten Jeansjacke alleine auf Shows, raste vorne aus und habe keine Scheu vor dem moshenden Zwei-Meter-Typen in der Menge – auch wenn das meine Lippe das ein oder andere Mal anders sieht. Ich bin durch Stageload in der Szene engagiert und gut vernetzt. Ich verachte Drogen. Ich fühle mich in den ganz und gar unfancy AZs dieses Landes wohl und mag, dass das Ganze nicht „nur“ auf Musik, sondern auch auf ähnliche Gesinnungen fußt.

Nur: Damit hört es dann schon auf.

Ich bin ein privileged white kid, eine Polizistentochter und hasse es, wie es für diesen Beruf in diesem Umfeld so gar keinen Respekt gibt. Ich würde mich als gläubig betrachten und finde manchmal in der Kirche Trost. Ich arbeite seit Jahren in der oberflächlichen Lifestyle-Branche und schäme mich nicht für meine Berufswahl. Ich esse Fleisch und fange darüber am liebsten so gar keine Diskussionen an. Extrem links ist besser als extrem rechts – auf jeden Fall! Ich verstehe trotzdem nicht im Geringsten, was das Anzünden von Autos unschuldiger Zivilisten bewirken soll.

Mit dem Äußern von bloß einem dieser Punkte würde ich schon aus so manchen Hardcoreladen dieses Landes verwiesen oder zumindest verächtlich angeschaut werden. Dabei vertrete ich die grundlegenden Aussagen der Szene komplett: Anderen helfen, nicht diskriminieren, mit offenen Augen durch die Welt gehen, sich informieren. Doch die Extremformen dieser Szene sind so elitär, dass sie zwar auf den ersten Blick schmuddeliger, uneleganter und unauffälliger wirken als affektierte Kunstliebhaber oder wohlhabende Wochenendgolfer. Im Grunde tun sie jedoch genau dasselbe: Ausschließen aller, die nicht komplett ähnlich denken. Und sich damit selbst direkt ins eigene idealistische Aus schießen.

„Mischlingen“ wie mir bleibt da eigentlich nur eins: Mitspielen und den Schein der toughen Hardcore-Frau wahren. Immerhin hagelt’s Likes fürs neue Tattoo.

Fotos von Jannik Holdt.

Autor Ines Kirchner
Wohnort Berlin
Beruf Project Manager
Dabei seit Juli 2009
Deine Aufgabe bei Stageload Akkreditierungen, Organisatorisches, Reviews
Top-Alben u.a. Gallows - Grey Britain, Bon Iver - Bon Iver, The National - Trouble Will Find Me, Touché Amoré - Parting the sea...
Die besten Konzerterlebnisse u.a. Have Heart (2009, Köln), Gallows (2010, London), Basement (2012, London), Iron Chic, Ceremony, Trash Talk, Rise & Fall, Touché Amoré (divers)

Kommentare

  3 kommentare

  1. micha

    moin.

    kurz um: szenemenschen,die sich so dermaßen eingrenzen,haben doch prinzipiell so gar nichts mit dem genre zu tun bzw. ihn nicht verstanden. das problem ist ein generell verbreitetes problem und wird definitiv in die szene hinein getragen. von daher braucht man schon ne gewisse coolness,um diese art von menschen auszublenden und entspannt links liegen zu lassen. jeder hat ne meinung und ein fast jeder glaubt,diese sei die richtige. von daher,iss n stück fleisch und genieß die show – live and let live!

  2. sweatbox

    Toleranz ist wie man mit Überzeugungen und Verhalten umgeht, die nicht den eigenen Überzeugungen und Verhalten entsprechen.
    Warum mitspielen? Sage den Leuten einfach was du auch hier geschrieben hast. Suche das Gespräch, sei selbstbewusst in deinen Ansichten und stelle bohrende Fragen, die zum Denken anregen. Solange du nicht nur auf Konfrontation aus bist, freundlich bleibst und deinen Standpunkt klar vermitteln kannst, werden die meisten Leute tatsächlich tolerant auf dich reagieren.

  3. TJ

    YOU WILL NEVER BE ONE OF US!

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