Kurzreviews: Februar ’18

Kurzreviews: Februar ’18

Spark – Demo
Blacktop Records

Nachdem sich in den vergangenen Jahren große Bands der Straight Edge-Bewegung wie Mindset oder Foundation aufgelöst haben, gibt es Gott sei Dank zahlreiche junge Bands, die das Feuer weitertragen. Neben Insist oder Ecostrike sind das auch Spark. Zusammengesetzt aus (ehemaligen) Mitgliedern von Beneath The Wheel, Domain und Spirit Crusher wird hier feinster Hardcore-Punk serviert, der so locker vor 10 bis 15 Jahren auf Bridge Nine Records erschienen sein könnte. Fans von Have Heart oder Champion sollten hier definitiv zugreifen, wenn sie können. Die erste Auflage des Demotapes ist nicht umsonst bereits seit der ersten Show restlos vergriffen und wird im März von Blacktop Records (Ritual, Black Friday ’29) auf Vinyl herausgebracht. Anspieltipp: „Culture Of Decay“ (6/8) – Patrick Siegmann

Glassjaw – Material Control
Century Media

Satte 15 Jahre haben sich Glassjaw mit dem Nachfolger von Worship And Tribute Zeit gelassen – dabei könnten die Songs auf Material Control ebenso gut in einer Session zum 2002 erschienenen zweiten Album der Band entstanden sein. Glassjaw bleiben ihrer Soundmischung aus den Deftones, The Dillinger Escape Plan und Letlive weitestgehend treu und pumpen noch immer mehr Adrenalin als ein wildgewordener Bulle beim Stierkampf. Dabei verkommt die Band aber nie zu einer Kopie, sondern prägt konsistent ihren eigenen Sound, den viele Fans seit dem überragenden Debüt Everything You Ever Wanted To Know About Silence so lieben. Das liegt zum Teil an der instrumentalen Versiertheit der Band, zum anderen an der starken Ausdruckskraft und Impulsivität von Frontmann Daryl Palumbo. In die wüsten Momente schafft es die Band immer wieder kleine melodiöse Pausen einzuflechten, irgendwo muss die Luft für den nächsten Schlag in die Magengrube ja herkommen. Ein hysterischer Rundumschlag mit Hardcore-Attitüde. (6/8) – Andreas Steiner

Brian Fallon – Sleepwalkers
Island Records
Brian Fallon kann bisweilen eine kleine Diva sein. Da überrascht es nicht, dass er auch heute noch über schlechte Presse für „Get Hurt“ klagt. Sein Solodebüt musste man da als Versöhnungsangebot an jene Kritiker verstehen: Allerlei vor Pathos triefende Oden auf die gute alte Zeit der Working Class, hier und da ein bisschen Herzschmerz und die scheinbar ewige Suche des passionierten Romantikers – verpackt in einen Haufen perfider Ohrwürmer. Solche Nummern schreibt Fallon wie kein Zweiter. Und weil er das erstens nur zu gut weiß und zweitens auch mit Genuss den Folk-Rock-Alleinunterhalter gibt, macht er auf „Sleepwalkers“ einfach genau so weiter. „Forget Me Not“ und „If Your Prayers Don’t Get To Heaven“ etwa sind zwei durch & durch gefällige Nummern. Locker-flockige Melodien, bei ersterem mit ein wenig mehr Radau und einem hörbar gut gelaunten Fallon am Mikro. Dieses sonnige Gemüt zieht sich durch die Platte und ist gleichzeitig das einzig wirklich Überraschende an „Sleepwalkers“: Brian Fallon, mittlerweile 38 Jahre alt und in jüngster Vergangenheit nicht gerade vom Glück geküsst, klingt tatsächlich mit sich und der Welt im Reinen. Da passt der Titeltrack mit beschwingter Saxophon-Begleitung natürlich ins Bilde.

Allzu sorglos lässt es Fallon freilich nicht werden. In „Watson“ taumelt er – ganz der ewige Zauderer – einer Verflossenen hinterher, nur um auf  „My Name Is The Night“ frischen Mutes weiter zu schreiten („I’d do it all again“). Der Song dieses Albums aber ist „Etta James“. Ein Standardwerk, nostalgisch, emotional, eingängig – gute fallonsche Hausmannskost eben. Und natürlich, ein mit erhabenster Inbrunst gesungenes „And we sold our souls on the fantasies we found in records and black and white movies” geht immer. Denn genau das ist es, der Kern der alten Magie mit der Fallon und seine Mitstreiter so groß wurden, dass es sie irgendwann überforderte. Ein Blick zurück, aber vor allem ein stillschweigendes Eingeständnis: Diese Zeit ist vorbei. Es wird kein zweites „59 Sound“ geben – und das ist kein Drama, denn die Platte strahlt für alle Ewigkeit in vollstem Glanz. Ihre Wiedergänger können da nur scheitern. Auch solche aus Fallons Feder. Er selbst wird es verkraften können. (4/8) – Benjamin Fischer

Liebe Frau Gesangsverein – nackt
Roaring Disc Records

Liebe Frau Gesangsverein gehören zu den Bands, bei denen es gleichermaßen Segen und Fluch ist, besonders auf einen Aspekt minimiert zu werden. Gerade im 21. Jahrhundert sollte es doch eigentlich niemanden erstaunen, eine Frau am Mikro einer Punkrock-Band zu sehen und dabei auch noch einen außerordentlich guten Job zu machen. Ricarda Giefer ergänzt das wirkungsvolle Songwriting mit einer Stimme und Geschichten, denen man gleichermaßen gerne zuhört und sich in ihnen wiederfindet. Sie sind direkt wie auch abstrakt; Worte malen Bilder, wo bloße Beschreibungen es nicht mehr schaffen, alles auszudrücken. Was dabei jedoch zu jeder Zeit deutlich wird, ist der persönliche Aspekt. Getreu dem Albumtitel warten Liebe Frau Gesangsverein mit einem Seelen-Striptease auf. Musikalisch werden hier Punk-Fans glücklich, textlich wäre sicherlich der ein oder andere Emo direkt dabei. (5/8) – Leonie Wiethaup

Antje Schomaker – Von Helden und Halunken
Sony Music

Als Pop-Singer/Songwriter hat man es in Deutschland nicht gerade leicht. Das Genre scheint von Bosse, Bendzko bis Burani übersättigt und wurde dann auch von Jan Böhmermann medienwirksam durch den Kakao gezogen. Diesem Fluch kann sich auch Antje Schomaker nicht entziehen. Die aufstrebende Hamburgerin erinnert stimmlich an die in der Versenkung verschwundenen Juli und musikalisch an die eingangs genannten Männer mit B. Textlich mäandert Schomakers dabei souverän an den nur noch mit Lesebrille erkennbaren Grenzen von Pop und Schlager („Mein Herz braucht eine Pause“). Insgesamt bleibt nur ein wohlwollendes Pseudo-Kompliment: „Helden und Halunken“ ist nicht so schlimm wie die Auskopplungen ihrer Genre-Kollegen. (2/8) – Lennart Sörensen

Lemuria – Recreational Hate
Big Scary Monsters

Würde es einen Award für die unaufgeregteste Band geben, Lemuria wären heiße Kandidaten auf diesen Preis. Wie entspannt die New Yorker auf Recreational Hate zu Werke schreiten, verringert schon beim Zuhören den persönlichen Stresslevel um die Hälfte. Das ist Indie-Rock für die Genießer-Momente im Leben – oder sollte man schon Hängematten-Rock sagen?! Eine Platte wie ein sonniger Nachmittag mit den Liebsten, und wem Kaffee und Kuchen zu spießig sind, darf auch gerne zu Bier oder Ingwer-Tee greifen. Lemuria besorgen mit ihrer poppigen Mischung aus Weezer und Jack Johnson den Rest – und wagen sich zeitweise auch ans Klavier (Lake Below). Eine runde, wenn auch etwas seichte Geschichte, denn bei ein paar Songs drängt sich leider der Eindruck auf, dass es sich um Demoversionen statt Albumsongs handelt. Aber so ein Kaffeekränzchen muss ja auch nicht immer perfekt sein, um schön zu sein. (4/8) – Andreas Steiner

Autor Patrick Siegmann
Wohnort Göttingen
Beruf Doktorand
Dabei seit September 2009
Deine Aufgabe bei Stageload Koordination Reviews, News
Top-Alben Viel zu viele. "Songs To Scream At The Sun" von Have Heart ist aber definitiv eines von den Alben, die mich am meisten geprägt haben.
Die besten Konzerterlebnisse Auf jeden Fall vorne mit dabei: Have Heart, Shipwreck AD, Rise And Fall und AYS in der Roten Flora in Hamburg, Juli 2009

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