Hurricane Festival 2012

Hurricane Festival 2012

Ausnahmezustand in Scheeßel bei Bremen: Nach zwei Jahren war das Hurricane Festival mal wieder ausverkauft und größer denn je. Knapp 80.000 Musikbegeisterte feierten Tage lang ihre Lieblingsbands. In diesem Jahr waren The Cure, Blink-182 und Die Ärzte Headliner und teilten sich die Bühnen mit Justice, Mumford & Sons, The Kooks, Rise Against, Madsen, Casper und vielen mehr. Bei einer solch durchschlagenden Qualität war es kein Wunder, dass das Festival bereits Wochen vorher ausverkauft war und das trotz der um knapp 10€ gestiegenen Ticketspeise. Aber das stört wenig, denn wenn man die 135€ ins Verhältnis zu den Bands setzt, die man hier sehen kann, dann lohnt sich das alle Mal. Außerdem ist ein Festival ja immer ein Erlebnis, das wird keiner bestreiten wollen.

Der Freitag begann mit La Dispute. Die Band aus Michigan hat sich in den letzten Monaten einen so großen Namen gemacht, dass sie jetzt auch große Festivals beehren darf. Man gönnt es ihnen und auch große Bühnen stehen La Dispute, wenn auch die Atmosphäre der kleinen Clubs natürlich fehlt. Trotzdem hatte das Publikum, das zwar recht dünn gesät war (immerhin war es erst 16 Uhr), sichtlich Spaß. Als nächstes stand Singer-Songwriter Axel Bosse auf meinem Zeitplan, der mit seinem letzten Album „Wartesaal“ die Top 20 der Deutschen Albumcharts geknackt hatte und bereits 2009 das Hurricane auf der blauen Bühne beehrte. So zog Bosse mit Hits wie „3 Millionen“, „Sommer lang“ oder Frankfurt Oder“ viele Menschen im Sonnenschein vor die zweitgrößte Bühne auf dem Festival. Deutschsprachig ging es dann auch weiter: Der Hype im Rapper Casper ist noch lange nicht vorbei, das merkte man auch auf dem Hurricane. Der Auftritt, der für zdf.kultur aufgezeichnet worden ist, war überlaufen. Vor der Bühne stand man zwischen kreischenden Mädchen, die nichts anderes im Kopf hatten, als vom Bielefelder, der jetzt in Berlin lebt, ein Kind zu bekommen. Zumindest schien es so. Bei „Casper Bumayé!“ eskalierte die Lage dann schon bereits beim dritten Song völlig und bei „xoxo“ brachen Chöre sondergleichen aus. Das habe ich in den letzten Jahren, die ich beim Hurricane war, sonst nur bei Headlienern wie Kings Of Leon oder den Beatsteaks erlebt. Unfassbar, was dieser Typ leisten kann. Definitiv erlebenswert!
Am Abend ging es für mich, nach einer Pause, weiter mit The xx. The xx werden im September ihr zweites Album rausbringen und gelten ja laut britischer Presse seit ihrem 2009er Debüt als „beste Band des Jahrzehnts.“ Darüber lässt sich sicherlich streiten, aber The xx sind eine der besten Bands, die es momentan gibt. Kaum eine andere Formation schafft es mit derartig minimalistischen Mitteln Gänsehaut zu produzieren und eine solch dichte Atmosphäre, dass man einfach nicht mehr weg möchte. Und auch die drei neuen Songs, die die Londoner vorstellten, stehen ihrem alten Material in nichts nach. Es würde mich also nicht wundern, wenn „Coexist“, das neue Album, wieder genau so in der Presse gefeiert wird.
Nicht ganz so erfolgreich und deutlich länger im Geschäft sind Hot Water Music. 2010 eröffneten die Punkrocker im Chuck Ragan, frisch wiedervereint, das Hurricane Festival auf der grünen Bühne. Dieses Jahr spielte man um 22 Uhr auf der kleinsten, der roten Stage, zog aber doch ordentlich viele, und vor allem textsichere, Menschen an. Das merkte man besonders beim Opener „Remedy“ oder der aktuellen Single „State Of Grace“. Mir hat der Auftritt der Gainsviller 2010 nicht so gut gefallen, in diesem Jahr aber wurde ich einfach nur mitgerissen. Besser hätte es nicht sein können, beide Daumen hoch. Und wer sagt, dass diese Band ihren Zenit schon überschritten hat, der liegt verdammt falsch.
Nach dem ich mir noch die letzten vier Songs von The Cure, natürlich inklusive „Friday I‘m In Love“ angehört hatte, ging es zurück auf den Campingplatz um diesen wirklich wunderbaren, ersten Tag auf dem Hurricane 2012 bei einem Bier ausklingen zulassen. Bei Sonnenschein konnte wirklich jeder Künstler, jede Band, die ich gesehen habe, überzeugen.

Im Gegensatz zu Freitag begann der Samstag mit Wolken und Sturm. Den Hurricane-Besucher, besonders denjenigen, der schon mehrmals da war, hält das aber nicht ab auf das Festivalgelände zu gehen. Denn Sturm und Regen gab es bis auf 2008 bis jetzt in jedem Jahr.
Für mich durften am Samstag Young Guns das Festival eröffnen. Ich hatte mir die Band vorher noch nie angehört und war deswegen relativ offen für das, was mich erwartet. Das war dann pathetischer Alternative-Rock für Teens und solche, die es immer noch sein wollten. Also nichts für mich. Die Briten konnten stimmungstechnisch zwar ordentlich was reißen, musikalisch aber war das nicht erste Liga. Trotzdem ein gelungener Auftritt, kann man nicht anders sagen.
Nachdem der restliche frühe Nachmittag wenig Interessantes bot, ging es für mich erst um 16 Uhr mit Kakkmaddafakka aus Norwegen weiter und das war, muss man sagen, wirklich eine geile Show. Schade nur, dass die Technik nicht so recht mitspielte und so bei jedem zweiten Song der Ton ausfiel. Dabei meinte es der Wettergott doch so gut, war es doch inzwischen schon wieder sonnig und relativ windstill. Da die Techniker das Problem wohl nicht so ganz in den Griff bekamen, hatte ich keine Lust mehr, auch wenn die Tänzer und Backgroundsänger der Band echt erste Sahne waren, und wechselte zur grünen Bühne wo gerade Eagles Of Death Metal spielten und wow, das war genau so gut! Mitreißender Stoner-Rock mit deinem verdammt coolen, und ich meinte wirklich coolen, Frontmann Jesse Hughes. Der musste zwischendurch sogar ab und zu seinen Schnurrbart kämmen, weil er so cool war, und beendete das Set mit dem Satz „And tell your mom when you get home, that you were never fucked so hard by a mustache!“ Was für ein Typ.
Ein anderer Typ von Kerl ist Thees Uhlmann, der am frühen Abend auf der blauen Bühne spielte und, man staune, Casper coverte. Der Frontmann von Tomte ist ja seit knapp zwei Jahren solo unterwegs und lieferte auf Caspers Album einen Gastbeitrag zum Song „xoxo“ ab, welchen er hier komplett selber spielte und sogar rappte. Thees Uhlmann ist eine Institution in der deutschsprachigen Popmusik und das manifestierte dieser Auftritt ohne Zweifel. Ein Tomte-Cover hätte es dann zwar doch noch sein dürfen, aber man kann ja nicht alles haben.
Nachdem Wolfmother ordentlich die grüne Bühne und auch mich gerockt hatten (ich erspare mir hier jetzt eine genauere Beschreibung, weil ich ziemlich weit hinten stand) ging ich zum Zeltplatz zurück. Denn, so lauteten die Gerüchte, sollte hier heute Abend ein Rapper mit drei Buchstaben einen Secreitgig spielen (nein, nicht Dr. Dre). Wer das wohl sein könnte? Dazu später mehr. Auf dem Zeltplatz befand sich nämlich die Red Bull Stage. Neben dem Verkauf von diversen Sorten Red Bull spielten dort auch ab und an, ganz ohne Vorankündigung, Bands. Am Donnerstag waren das zum Beispiel Madsen gewesen und heute The Killians, Sir Simon, City Light Thief und Torpus & The Art Director. Wer also nicht gerade bei Rise Against, Noel Gallagher oder Bonaprte war, der war hier. The Killians bringen im August ihr drittes Album raus und nutzen diese Gelegenheit natürlich zum promoten und dazu, den ein oder anderen neuen Song zu spielen. Und plötzlich sperrte die Security den Bereich vor der Bühne ab, ich mittendrin. Was nun kam, führte zu einer friedlichen, aber doch massiven Eskalation: Cro war am Start. Der Stuttgarter Raoper (ja, das heißt so) durfte während des Sets der Killians seinen Song „Easy“ und einen frischen Remix zum Besten geben. Das reichte auch vollkommen, denn ich bekomme die Schreie der Kids noch immer nicht aus den Ohren.
Da es noch Cros kleinem Besuch schon fast zwei Uhr in der Nacht war und auch Justice schon längst fertig waren, ging es ab ins Bett um am Sonntag noch einmal Spaß zu haben.

Als ich am Sonntag dann aufwachte, regnete es in Strömen. So ging es erst gegen 14 Uhr in Richtung Festivalgelände, obwohl es immer noch wie aus Eimern goss und die Wege nichts anderes mehr waren als Schlammpisten. Aber hey, im Regen Frank Turner gucken hat schon was, immerhin regnet es in England ja auch und Turners aktuelles Werk heißt ja „England Keep My Bones“. Erstaunlich viele Menschen waren zu Turners Konzert gekommen, trotz des vielen Regens. Alle die nicht da waren, waren ein paar Meter weiter bei der roten Bühne, um auf Kraftklub zu warten. Auch ich wollte mir die Chemnitzer eigentlich angucken, leider aber war es vor der Bühne dermaßen voll, dass man nichts mehr sehen konnte und die Security keinen mehr in Sichtweite ließ. Schade, so hieß die Alternative K.I.Z und die war auch nicht schlecht. Nachdem die Band ihren übergroßen Angela Merkel-Banner wieder entfernen musste (ja ja, das Fernsehen), ging es dann schon los: „Fick deine Mutter!“ und so weiter. Ich bin kein besonders großer Fan derartiger Phrasen, aber K.I.Z sind schon gut, kann man nicht anders sagen, besonders hat die Band einen Humor, mit dem auch ich mich auf gewisse Weise identifizieren kann. Trotz des Regnns („Gott hasst uns, er onaniert auf uns!“) war das also eine wirklich gute Sache und Kraftklub haben sicher auch nicht bessere Stimmung gemacht.
Nach einer kurzen Pause, um mal ein bisschen ins Trockene zu gehen, spielten um 18 Uhr dann Kettcar auf der grünen Bühne. Kettcar sind für mich die beste deutsche Band und ich sage das offen und ehrlich. Es gibt keine Band, die mit ihren Texten bei mir mehr bewegt und so war es kein Wunder, dass ich bei jedem Song lauthals mitgesungen hab. Die Kids vor der grünen Bühne, die auf The Kooks warteten, fanden das natürlich etwas beängstigend. Und auch Marcus Wiebusch, Sänger von Kettcar, konnte sich den ein oder anderen Kommentar zu den durchweg 15 bis 16 jährigen in den ersten Reihen nicht ersparen. Aber er nahm es mit Humor und sang fleißig den Regen weg und die Sonne hervor. Dass Kettcar auch noch das Wetter beeinflussen können, das hätte ich nicht gedacht. Fantastisch, mehr brauche ich dazu nicht zu sagen.
Und weil ich ja nicht so bin, und mir angucken wollte, wie die Kids gleich abgehen, blieb ich noch bis zu The Kooks. Aber als Kettcar wieder weg waren, kam auch der Regen wieder und blieb bis The Kooks ungefähr die Mitte ihres Sets erreicht hatten. Man kann nicht sagen, das die Stimmung bei der Band schlecht war, aber der Regen drückte doch etwas auf die Gemüter. Trotzdem sang die Masse lauthals mit, ob nun bei „She Moves In Her Own Way“ oder „Sofa Song“. Besonders die Mädels fielen beim Anblick der Indierocker aus Brighton reihenweise, zumindest innerlich in Ohnmacht. Aber was will man da sagen? Ich war ja auch mal jung, nur gab es bei mir damals nur Britney Spears oder die Spice Girls. Als The Kooks gegen 21 Uhr fertig waren und der Regen immer noch die Oberhand hatte, habe ich dann beschlossen die Heimreise anzutreten, da meine Sachen alle durchnässt waren und ich Die Ärzte gerne ihren Fans überlasse.

Das Hurricane 2012 war wie jedes Hurricane: Viele gute Bands und Künstler, viele nette Menschen auf einem Haufen und eine fantastische Stimmung. Wäre das Wetter am Sonntag noch besser gewesen, dann wäre es vermutlich das beste Hurricane gewesen, auf dem ich je war. So war es nur eines der besten, aber trotzdem, und das nicht ohne Grund, eines der erfolgreichsten und größten Festivals in Europa. Bis nächstes Jahr dann!

Autor Patrick Siegmann
Wohnort Göttingen
Beruf Doktorand
Dabei seit September 2009
Deine Aufgabe bei Stageload Koordination Reviews, News
Top-Alben Viel zu viele. "Songs To Scream At The Sun" von Have Heart ist aber definitiv eines von den Alben, die mich am meisten geprägt haben.
Die besten Konzerterlebnisse Auf jeden Fall vorne mit dabei: Have Heart, Shipwreck AD, Rise And Fall und AYS in der Roten Flora in Hamburg, Juli 2009

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