Jennifer Rostock, Heisskalt, Aufbau West – 26.01.2013, Berlin

Jennifer Rostock, Heisskalt, Aufbau West – 26.01.2013, Berlin

An Abenden wie diesem, einem arktischen Samstag im Januar, möchte man eigentlich entweder zu Hause oder in einer der zahllosen Lokalitäten Berlins sitzen, in jedem Fall aber im Warmen. Mutig, wer sich bei den Temperaturen im zweistelligen Minusbereich überhaupt vor die Tür wagte.

Die alteingesessene Columbia-Halle am Rande des ehemaligen Flughafens Tempelhof bildet mit dem nebenan gelegenen Columbia-Club seit den 1950er Jahren ein Zentrum von Kultur und Unterhaltung. Die Nordlichter Jennifer Rostock spielten hier die bislang größte Show ihrer Karriere und hatten mit Aufbau West und Heisskalt zwei aufstrebende Bands im Schlepptau. Nicht nur deshalb war diese spezielle Show ihrer *_* -Tour reicher an aufsehenerregenden Ereignissen, als die übrigen. Es war ein Abend, der trotz der knapp 3500 Besucher ganz im Zeichen von familiärer Atmosphäre stand – die Bands sind alle eng befreundet, und die Zuschauer, zwischen 15 und 50 war jedes Alter dabei, feierten von Anfang an so heftig, dass die vielen tausend Quadratmeter Hallenboden bebten. Nachdem man also ganze 50 Minuten in Schlange und Kälte stehen musste, konnte man endlich eintreten und sich auf einen abwechslungsreichen Abend freuen.

Aufbau West ist eine Indiepop-Band aus Geseke, die ab 20 Uhr deutschsprachige Songs auftischten und mit den angenehm selbstironischen Ankündigungen des Sängers auf Anhieb für gute Laune sorgten. Lediglich ein Gast aus den vorderen Reihen wollte seinen Unmut ausdrücken, indem er seinen Bierbecher nur wenige Zentimeter am Kopf des Sängers vorbei auf die Bühne schleuderte. Selbiger quittierte dies mit einem bösen, nicht jugendfreien Maledictum.
Nach einem halbstündigen, tontechnisch viel zu leisen Setup mit Gastperformance von Jennifer Weist (Jennifer Rostock) verabschiedeten sich die vier Jungs mit einem „Nasi, Nasi“, ihrem hauseigenen Ritual, das dem traditionellen Nasengruß der Maori nachempfunden ist. Süß.

Ein weiterer guter Freund von Jennifer Rostock sorgte in den Umbaupausen für musikalische Begleitung: Amokkoma alias Nico Webers von der Berliner Band War From A Harlots Mouth. Zumindest versuchte er, mit seinem Dubstep/Filthstep-Set für Stimmung zu sorgen. Doch der größte Teil der schon jetzt prall gefüllten Halle stand seiner Performance eher ratlos und passiv gegenüber – Nico selbst hatte allem Anschein nach den meisten Spaß.

Als zweite Band gaben sich anschließend gegen 21 Uhr Heisskalt die Ehre. Das Quartett aus Stuttgart spielt Alternative Rock mit elektronischen Einflüssen und viel Bühnenperformance. Von sich selbst sagen sie „Wir sind das eine Bier zuviel, Wir sind die Zigarette danach, Wir sind der Kuss im Regen, Wir sind der gute Rat von Mutti, Wir sind der Döner um Fünf, Wir sind der Fön in der Badewanne deiner Schwiegermutter, Wir sind wie Sex, nur lauter, Wir haben heute Nacht mit dir geschlafen, Wir sind Heisskalt.“ Mehr gibt es nicht zu sagen. Während des Auftritts bemerkte man schnell, dass sich weite Teile des Publikums lieber miteinander als mit der Band beschäftigten, was wohl weniger an der Musik als an der Tatsache lag, dass alles viel zu leise war, so wie schon bei Aufbau West. Dass das Gesangsmikrofon des Frontmannes sehr dumpf und unschön klang, könnte allerdings auch Absicht gewesen sein. Nach gefühlten fünf Songs war wieder Schluss, erst später bei Jennifer Rostock kam Sänger Mathias noch einmal zum Zuge.

Nach einer weiteren Umbaupausen-Untermalung durch Nico Webers, dessen Sound jetzt mehr in die Richtung düsterer Hip Hop- und Breakbeats ging, wurde die Bühne dunkler und das Geschrei der Menge dafür umso lauter.
Die seit jeher stark polarisierenden Jennifer Rostock lassen, als mittlerweile selbst in der Hauptstadt ansässige Gruppe, dem Berliner Publikum meist ganz besonders viel Liebe angedeihen.

Mit Songs wie „Fuchsteufelswild“ und „Der Kapitän“ starteten sie die Show furios und man bekam wegen des ohrenbetäubenden Geschreis des Publikums den Eindruck, auf dem Konzert irgendeiner angesagten britischen Boyband zu sein. Man muss hier jedoch erwähnen, dass gut und gerne die Hälfte der Zuschauer Männer waren. Die gewohnt zotigen Moderationen von Sängerin Jennifer Weist und das (selbst für ihre Verhältnisse) geradezu obszön aufreizende Outfit brachten die Stimmung sehr schnell auf Hochtouren.
Der siebte Song des Abends sollte eigentlich ein Medley aus Marianne Rosenbergs „Er gehört zu mir“ und Lady Gagas „Born This Way“ werden, was per se untypisch für Jennifer Rostock ist. Keyboarder Joe nutzte im schon Vorfeld die Gelegenheit, um seinem Lebensfährten Holger nach fünfjähriger Beziehung unter spektakulärem Beifall des Publikums einen Heiratsantrag zu stellen. Dass diese Aktion auch für die Band völlig überraschend kam, war offensichtlich. Zu Tränen gerührt brauchten die Musiker ein paar Minuten, um sich fangen und die Show wieder aufnehmen zu können. Mit Hits wie „Mein Mikrofon“ sowie Unplugged-Versionen von „Himalaya“, „3 Millionen Schatten“ und „Ich kann nicht mehr“ ging es weiter. Wer schon einen oder sogar mehrere Auftritte von Jennifer Rostock gesehen hat, der wusste, was als nächstes kommen sollte. Eine Freiwillige oder ein Freiwilliger wird auf die Bühne geholt und soll „Kopf oder Zahl“ performen. Dieses Mal waren es sogar zwei Fans, die um die Wette sangen und sich einen Merchandise-Gutschein oder etwas zu trinken gewinnen konnten. Mit „Mach mich nicht verliebt“ und „Blut geleckt“ ging der Gig zu Ende, worauf noch drei Zugaben folgten. Darunter befand sich natürlich „Es war nicht alles schlecht“, das selbstverständlich wie es sich gehört von Nico Webers unterstützt wurde.

Ob man nun Fan ist, oder nicht: Jennifer Rostock bieten ausnahmslos immer unterhaltsame Shows mit viel Witz, Publikumsinteraktion, Alkohol und nackter Haut (weiblicher wie männlicher). Dass Jennifer Rostock in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, zeigt ein Blick auf das Publikum: Ob nun alt oder jung, alternativ oder zugeknöpft, alles ist dabei. Einzig die mittlerweile erreichte Größenordnung der Shows von teilweise drei- bis viertausend Zuschauern ist nicht mehr wirklich angenehm. Ebenso wenig wie der an diesem Abend noch anstehende Weg nach Hause, bei mittlerweile minus 19 Grad.

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