One Ok Rock (10.12.2019)

One Ok Rock (10.12.2019)

One Ok Rock sind in Japan ein bisschen die Silbermond des J-Rocks. Wo in Europa ein überwiegend blutjunges, weibliches und cosplayendes Publikum mit oder ohne Japan-Fetisch zu den Shows kommt, spricht die Band in der Heimat zur Gesamtgesellschaft, versammelt harte Rocker und die coolen Kids, liefert aber auch angenehme Hintergrundmusik zum Bügeln für deren Mütter. Zum Jahresabschluss touren die schon bizarr erfolgreichen Musiker im Anschluss an den letzten US-Ausflug durch japanische Stadien und gastieren an einem Dienstagabend in der Jō-Hall in Ōsaka.

heißt Schloss, und so ist die Arena auch direkt neben Ōsaka Castle zu finden und ganz ähnlich hinter Mauern und Schützengraben eingebettet. Gekommen sind sehr, sehr viele Menschen. Das zu 97 Prozent japanische Publikum steht sich schon Stunden zuvor bei recht milden Temperaturen die Beine in den Bauch, artig in Reih und Glied. Japaner lieben es, in Schlangen zu stehen.

Wenigstens halten die Fan-Schals mit dem quietschbunten „Eye of the Storm“-Artwork halbwegs warm, ob Schulmädchen oder elterliche Begleitung. „Eye of the Storm“, Album Nr. 9, war Anfang diesen Jahres einerseits die logische Fortsetzung zur Entwicklung der Band – abfällig auch gerne: Boybandwerdung –, andererseits auch zu großen Teilen ein halbgares Zusammenschustern von Bausteinen aus dem (Elektro-)Pop-Einmaleins, mit dem sich eingekaufte Songwriter aus Übersee und das Ami-Label die Taschen zu füllen ersuchten. Im Laufe des Abends spielen One Ok Rock dann auch fast die ganze Platte – glücklicherweise wirken viele der Plastik-Pop-Nummern mit echten Saiteninstrumenten aber durchaus organischer und besser.

Als Eröffnung gibt es aber den Plattenopener, und da sich die Drahtzieher im Hintergrund dessen Roboter-Vibes vermutlich bewusst sind, wird „Eye of the Storm“ mit dreidimensionalen, vor der Bühne tanzenden verzerrten Hologrammen untermalt. So etwas sieht man auch nicht alle Tage und fragt sich, wie viel Yen hier wohl gerade verbraten werden. Die übertriebenen Spezialeffekte zerplatzen aber schnell, und dann geht die Post ab: Bei „Take me to the top“ fühlt man sich wohlig daran erinnert, dass hier eigentlich eine Rockband vor einem steht; wenn auch der hymnischeren Art, wie „Taking off“ und „We Are“ vom vorletzten Album „Ambitions“ direkt im Anschluss beweisen. Diese Platte war es leider auch, wo der dynamischere J-Rock endgültig zugunsten des leicht verträglichen Mainstreams geopfert wurde: „Re:make“ vom 2011er Album „Zankyō Reference“ oder das noch ältere „Jibun Rock“ wirken wie Relikte aus längst vergangenen Zeiten, performt von einer anderen, besseren Band.

Der nette Emo-Song „Clock Strikes“ ist immer noch eine tolle Nummer, „Head High“ von der aktuellen Scheibe stinkt dagegen im Vergleich trotz technisch perfekter Kopfstimme absolut ab. Eine Texteinblendung auf den Video-Leinwänden schlägt die Brücke zwischen dem Klassiker „Be the Light“ und dem neuen „In the Stars“, das eine semi-akustische Version spendiert bekommt.

Wie auch immer plötzlich das Piano auf der Bühne auftauchen konnte: Auch dieser Song gewinnt deutlich im Gegensatz zur Studioversion dazu. Nach diesem dezenten Balladen-Overkill ist es aber durchaus angenehm, dass das unsägliche „Wherever you are“ an diesem Abend ausgespart bleibt. „Kimishidai Ressha“ mittendrin ist wieder ein Fremdkörper, aber die Zuschauer gehen steil: Pop-Punk für die Massen, die kleine Rebellion nach Feierabend. Die musikalisch teils bockstarken alten Songs und das neue Material vertragen sich kaum, selten formen sie ein großes Ganzes. Die ständig wechselnden Bühneneffekte tragen auch nicht gerade dazu bei, dass die Show wie aus einem Guss wirkt.

In elend langen Ansagen geht es zwischendurch um Weltfrieden und Spendensammeln (zumindest soweit die rudimentären Japanischkenntnisse des Redakteurs Verständnis zulassen). Die Menge johlt. Mittendrin dürfen vier vom Kameramann auserwählte Zuschauer die Bühne entern und werden von Frontmann Taka interviewt. Die rumänische Austauschstudentin aus Kobe glänzt durch flüssiges Japanisch, ihre japanische Kollegin daneben stirbt beinahe vor Angst und kämpft auch ein bisschen mit den Tränen, als Taka auf Tuchfühlung geht.

So nah an den Idolen, der Fan-Moment schlechthin, und Zigtausend Menschen schauen dabei zu – schade, dass ihre Freunde das wegen der strikten No-Picture-Policy nicht filmen dürfen. Zwar ist alles ein bisschen peinlich berührend, aber diese Unterbrechung bewirkt, dass die ganze durchkomponierte Rockshow plötzlich eine unvorhergesehene, authentische – ja, menschlichere Dimension annimmt.

Das obligatorische Instrumental-Intermezzo der drei Nicht-Sänger weiß dann auch zu gefallen und groovt ordentlich, wirkt schon beinahe wie ein improvisierter Jam verglichen mit den kühl kalkulierten Popsongs des neusten Outputs. Leichtes Nirvana-Feeling (auch dem schon sehr offensichtlich ausgewählten Outfit von Gitarrist Toru geschuldet), während die Backstreet Boys kurz Pause machen. Das altbekannte Doppel aus den Überhits „The Beginning“ und „Mighty Long Fall“ beendet daraufhin das Main-Set recht cool mit Lichtshow galore und fröhlichem Publikum, aber „Wasted Nights“ wird noch hinterher geschoben und federt den Knalleffekt deutlich ab. Als Zugabe dann der Elektro-Hüpfer „Stand out fit in“, der einst als Vorabsingle zum neuen Album vollends One Ok Rock’s Abschied vom analogen Instrumentarium verkündete, aber einer dieser Ohrwürmer ist, für die man sich schämt, dass man sie gut findet. Trotzdem nicht überraschend, dass als allerletzter Song „Kanzen Kankaku Dreamer“ noch einmal Torus Gitarre jaulen lässt und es einen kleinen, aber feinen Rock’n Roll-Abgang gibt.

Unter frenetischem Jubel macht Taka noch ein Selfie-Video mit der hell erleuchteten Crowd im Hintergrund, die Band verbeugt sich und stolziert im Anschluss noch eine gefühlte halbe Stunde über die Bühne und winkt. Die ersten verlassen da schon die Halle, um dem Ansturm auf die Ausgänge zu entgehen, aber der Großteil würde auch noch die ganze Nacht applaudieren. Ein bisschen beängstigend ist sie schon, diese Heldenverehrung: Eine nie so ganz authentisch gewesene Rockband als Retter, als Weltverbesserer – und „draußen“ natürlich die Geheimwaffe im Nation Branding.

Cool Japan ist vielleicht nichts, worüber sich der gemeine japanische Konzertgänger den Kopf zerbricht. Aber One Ok Rock als Exportschlager ziehen, und wenn Taka plus die drei anderen auf Platte Nr. 10 (ziemlich sicher 2021 zu haben) vollends zu Ed Sheeran mutieren, hat Japan alles richtig gemacht. Fürs raibu aber – so nennen die Japaner Live-Konzerte von Bands –  kann das nur bedeuten, dass diese in Zukunft noch zerfledderter werden. Oder, dass One Ok Pop bei den nächsten Zweieinhalb-Stunden-Shows die alten Sachen komplett ignorieren, was eine Schande wäre, denn die Bühnenqualitäten dieser Band sind noch immer über jeden Zweifel erhaben. Erst, als das Licht angeht und die „Taka“-Schreie langsam verstummen, beginnt man, als gaijin im Epizentrum des massenkompatiblen J-Rocks das Spektakel zu verdauen. Hier sind One Ok Rock die größte Band der Welt.

Foto: Pressebild

Autor Ralf Hoff
Wohnort Frankfurt
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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