Persistence Tour (21.01.2020)

Persistence Tour (21.01.2020)

Wie jedes Jahr machte die Persistence-Tour auch 2020 wieder in München halt. Bestand das Line-Up der letzten Jahre gefühlt nur noch aus Terror, Municipal Waste und Walls of Jericho, wirkte das diesjährige Angebot schon aufregender. Für ein schon im Vorfeld ausverkauftes Backstage hatte es dennoch nicht gereicht und so gab es auch für Kurzentschlossene noch Karten an der Abendkasse. Wahrscheinlich hatte ein Großteil der Besucher zum Start um 18 Uhr allerdings noch nicht einmal Feierabend. 

Somit eröffneten Countime aus Los Angeles vor einer eher mauen Kulisse den Reigen. Für die bereits Anwesenden war der Madball-Sound mit Southcentral-Einschlag leichte Kost, um in den Abend zu starten. Ordentlich Unterstützung erhielten die Jungs vom Bühnenrand, an dem sich unter anderem Vinnie Stigma eingefunden hatte. Als es zum Abschluss das Madball-Cover “Para Mi Gente” auf die Ohren gab, zögerte dieser auch nicht lange, um zum Mikro zu greifen, was nochmal einige Leute mehr vor die Bühne lockte. 

Wo Countime aufhörten, machten Cutthroat weiter. Der eher Beatdown und Hip-Hop lastige Sound des Vierers, ebenfalls aus L.A., nahm den Zuhörern aber dann wieder etwas den Wind aus den Segeln. So ganz überspringen wollte der Funke einfach nicht. Windmühlen und Highkicks vor der Bühne übernahmen netterweise die Kollegen von Countime. Erst nach der Ansage von Ex-Downset Frontmann Neil Roemer, man sei mehrere tausend Kilometer gereist um hier zu spielen, da könne doch das Publikum wenigstens 10 Meter näher kommen, lockerte sich die Stimmung etwas. Ein beherzter Sprung über die fast 1,5 Meter von der Bühne entfernte Absperrung ins Publikum gab dem Ganzen dann noch eine etwas familiärere Atmosphäre und so ließen sich auch die Zuhörer zum Mitmachen animieren. 

Inzwischen hatte sich das Werk im Backstage auch endlich gefüllt. Wisdom In Chains wollten sich die Münchener offenbar nicht entgehen lassen. Die Stimmung im Raum schien jedenfalls wie ausgewechselt als das Quintett aus Pennsylvania die Bühne betrat: Fronter Mad Joe Black und seine Mannen wurden frenetisch gefeiert. Hymnen wie “Song to my Killer”, “When we were Young” oder eben der krönende Abschluss mit “Chasing the Dragon” sind aber auch einfach Partygaranten. 

Nächster Tagesordnungspunkt war Billy Bio. Das Gründungsmitglied von Biohazard und ein Teil Powerflo tauchte mit Headset auf – ist zum einen praktischer beim Gitarre spielen und zum anderen wurde schnell klar: Billy Bio braucht Platz, viel Platz. So ergab sich für ihn die Möglichkeit problemlos von Bühnenrand zu Bühnenrand zu wetzen, mit gelegentlichen Ausflügen ins Publikum. Billy war an diesem Abend der Multitasker schlechthin: Frontmann, Gitarrist, Anheizer und sogar Security. Stand ihm das Publikum zu weit weg, wurde es von ihm nach vorne geschoben, hatte es sich in den Haaren, legte er den Streit persönlich bei: “I got this”, erklärte er den Sicherheitsleuten.

Direkt im Anschluss legte Toby Morse zusammen mit H20 nach. Songs wie “1995”, “Family Tree” oder “One Life, One Chance” ließen die Anzahl an Stagedivern nochmal ansteigen. Dennoch wirkte der stets so positive Toby Morse etwas angespannter als sonst und so schnell wie er auf die Bühne kam, war er nach “What Happened?”, mit Unterstützung von Mad Joe, wieder verschwunden. Ob es womöglich mit dem Tod von Warzone- und Kill Your Idols-Drummer Vinnie Value zu tun hatte, der an diesem Tag verstarb, blieb ungeklärt. Dennoch gedachte man Vinnie netterweise noch einige Male an diesem Abend.

Neben Los Angeles und New York war auch Boston, repräsentiert durch die Street Dogs, vertreten. Mit Balonmütze und dickem Fred Perry-Parka rannte der ehemalige Dropkick Murphys-Sänger Mike McColgan auf die Bühne und entledigte sich nach und beider Kleidungsstücke. Der Punkrock mit irischem Einschlag brachte ein wenig Pub-Atmosphäre ins Werk und netterweise widmete man den “Straight Edge Kids” das Trinklied “Tobe’s Got a Drinking Problem”. Aber was wäre der Abend ohne ein weiteres Cover? Black Flags “Rise Above” ließ die Oldschool-Herzen nochmal höher schlagen. 

So ziemlich jede Band begann ihr Set ohne großes Brimborium: Licht aus, Licht an, Vollgas. Agnostic Front dagegen liefen zu Ennio Morricone ein. Vinnie Stigma, der Keith Richards des Hardcore, ließ sich wie eh und je mit erhobener Gitarre, auf der sein Name prangt, feiern. Zu guter letzt kam natürlich Roger Miret und so fackelten Agnostic Front ihre Gassenhauer wie  “Gotta Go”, “For my Family” oder “Old New York” ab, während die Menge tobte. Fast krönender Abschluss des Sets bildete das “Blitzkrieg Bob” Ramones-Cover bei dem sich dann gefühlt sämtliche Vorbands auf der Bühne tummelten. Mit dem Intro, dem johlenden Publikum, dem Bühnenaufbau und Bannern links und rechts, hatten Agnostic Front bereits den Status als Headliner inne. Zum Teil schien es, als hätten einige fast vergessen dass der Abend noch längst nicht vorbei war. Nach dem Auftritt machte das jedenfalls stark den Eindruck: Banner wurden abgehängt sowie Schlagzeug und die komplette Backline abgebaut. Erst als der bekannte Gorillaschädel erschien, kam einem der Gedanke “da war ja noch was”. 

Mit Trompeten und dem Anfangsakkord von “New Direction” wurde wenig später auf der eher spartanisch bestückten Bühne die letzte Setlist des Abends eingeläutet – Zeit für die Gorilla Biscuits. Den Preis für die geschmeidigsten Dancemoves des Abends erhielt definitiv Anthony “Civ” Civarelli. Ob es an den Gorillas, dem öffentlichen Nahverkehr oder den zunehmend schlechter werdenden Straßenverhältnissen zu später Stunde lag, darüber lässt sich nur spekulieren, aber verglichen zu Agnostic Front wurde es ruhiger und auch leerer im Publikum.

Der Blick auf die gegenüberliegende Tribüne offenbarte zum Teil verhaltenen Applaus, gepaart mit fast gelangweilten Gesichtsausdrücken. Sehr zur Freude der Dagebliebenen, blieb aber wohl kein Liedwunsch unerfüllt. Sei es “Degradation”, “Things we say”, “Hold your Ground”, “Cats and Dogs” oder “Sitting Around at Home”. Man feierte seine alten Helden – und um nochmals dem Verstorbenen Vinnie Value zu gedenken, wagten sich sämtliche Mitglieder nochmals raus, inklusive Toby Morse, um Warzones “As One” zu zelebrieren. So fand der Abend dann kurz nach Mitternacht ein Ende und viele zufriedene Gesichter wurden in die Kälte der Nacht entlassen.

Autor Philip Kleinau
Wohnort München
Beruf Techniker
Dabei seit Juni 2019
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