Thees Uhlmann, Patrick Richardt

Da steht er, und er singt von der „Schönheit der Chance“. Ganz allein mit seiner Gitarre. Ja, Thees geht auch ohne Tomte. Aber eben doch nicht ganz. Ob er das so will, oder eher die Zuschauer – das lässt sich nicht sagen. Feiern tun alle heute, im FranzK in Reutlingen.

Der Club: Cooles Ding. Weitläufiges Kulturzentrum – Zuschauerraum leicht ansteigend, gut für die Sicht. Für die Faulen gibts noch ’ne Tribüne. Genug Platz für alle. Entspannte Stimmung unter den Zuschauern. Ähnlich dem Protagonisten ein bunter Querschnitt durch die Demografie: Ungestüme Jugend, gesetztes Alter. Ein bißchen Straßenkampf, ein bißchen Reihenhaus. Indie-Intellekt trifft auf Punk-Attitüde. Der Wein schmeckt heut Abend allen.

Das erste Glas gibt’s zu Patrick Richardt. Liederschreiber mit Band, ganz nett – Hamburger Schule gibt’s also auch im Süden. Ich hol mir noch n Glas.

Die erwähnte Hamburger Schule ist selbstverständlich auch die beste, und er ist ihr fucking Rektor: Thees Uhlmann stolpert stilecht in Karohemd zu kurzer Lederjacke und verwaschenen Jeans auf die Bühne und verursacht schon ohne jegliche Aktion brandende Reaktionen. Reutlingen freut sich auf einen unterhaltsamen Abend  – und wird ihn bekommen. Thees bläst schräge in seine Unharmonika, während sich seine Band außerhalb des Spotlights an ihre Spots begibt: Drums, Gitarren, Bass, Klavier – und, bamm!- los geht’s. Die Scheinwerfer schmeißen das Licht in Takt im Saal umher, die „Römer am Ende Roms“  stampfen voran. Thees nimmt das Mikro und die 60o Leute im Saal gleich mit in die Hand. „Ich wusst‘ gar nicht, dass du so schön tanzen kannst“, nöhlt er und bewegt die Beine zusammen mit den ersten Reihen. Lässig!

Die höchste erotische Anziehungskraft hat laut Thees aber ja sein Gitarrist rechts, mit der Brille und den Tattoos. Mit so nem Typen an der Seite darf man auch mal ganz unsexy von seinen Kids erzählen, sagt Thees. Sexy Band hin oder her, Thees ist der Mittel- und Anziehungspunkt dieses Abends, denn er hat viel zu erzählen. Der Hamburger ist gut drauf, hier im tiefen Süden. Plappert frei heraus. Von Kindertagesstätte über wackelige Klavierversuche zu Oralsex-Witzen, Thees keeps the show going. Sympathisch angetrunken, ein bißchen ausschweifend – ein Typ, der einer ziemlich großen Kneipe ein paar Geschichten am Tresen erzählt. Viel Situationskomik, wechselseitige Kommunikation. Thees ist Erzähler und Entertainer. Daran haben alle Spaß, bis auf die Band vielleicht. Die muss ein Intro dann schon mal minutenlang strecken, damit Thees noch zur Pointe kommen kann.

Denn, stimmt, wir sind ja wegen der Musik hier. Die Playlist heute ist vorhersehbar. Thees hat als „ältester Newcomer Europas“ eben nur das eine Album, und das spielt er mit Freude rauf und runter. Nimmt den Saal mit nach Friesland bei „LAT..dingsda“ (oder einfach „Da komm ich her – Hier bin ich geborn…“), fährt Bus mit dem „Mädchen von Kasse 2“, hat für Reutlingen „17 Worte“. Und skizziert den „Sommer in der Stadt“ an diesem lauen Abend perfekt. Man tanzt, wippt, schunkelt – Pogo traut man sich in den vorderen Reihe nicht ganz.

Theestypisch gibt’s auch die ein oder andere Überraschung: Zwischendurch ein Akustikcover von den (damals noch guten!) Toten Hosen – „Liebeslied“. Knaller! Da schlagen die alten Punkerherzen noch mal schneller. Eine Zugabe bei Thees besteht dann einfach aus zwei bereits gespielten Songs – weil „ich Bock hab, verdammt!“ Und der Friese trinkt auch gerne einen mit. Mit Blick zur Bar fragt er forsch: „Was gibt’s da? Heißt das was mit Thees? Is da auch … was drin? — Nee?!! Dann tu was rein und bring mir ein‘!“ Gute Wahl. Einen Thees kann man hin und wieder gut gebrauchen. „Peace Out“, sacht er zum Abschied. Nicht nötig. Peaced Out ist hier schon jeder.

Autor Enno Küker
Wohnort Tübingen
Beruf Student
Dabei seit Mitte 2011
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